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Nr. 32 Schriften zur Förderung der
George-Witzel-Forschung 1982

Herausgeber: Bernard Johannes Witzel, Hagen, Georg-Witzel-Archiv

- Quartalschrift -

Subskriptionspreis (järlich) DN 24, - Doppelheft DM 17, - Einzelheft DM 8,50

Title Page

VORWORT

Es freut mich, daß eine neue Forschungsarbeit Sauers den Weg zu der interessierten Lesergemeinde der S F G W findet. Dieser Aufsatz steht im Zusammenhang mit weiteren Vorhaben des Verfassers, sowie mit der geplanten Herausgabe der im Artikel erwähnten Arbeiten von Wilhelm Abraham Teller.

Die vorangestellte Übersicht über frühere Aufsätze Sauers in den Buchenblättern war seit Jahren geplant. Die Wiederherausgabe in den S F G W wird hiermit in Aussicht gestellt.

Es gehört mit zu den Verdiensten Paul Ludwig Sauers, die Witzelforschung aus den Fängen der Lortz-Schule befreit zu haben, ähnlich wie Pralle und Padberg. Ich hoffe, daß in Zukunft keine Dissertation mehr möglich ist, kein Artikel mehr geschrieben werden kann, in denen, auch nur unterschwellig, eine derartige Tendenz auftritt (s. IV, 8).

Herr Prof. Dr. Sauer hielt auf der 18. Kulturtagung des Rhönklubs e. V. in Unterbernhards-Hilders, St. Michaelshof, am 6. März ein Referat zu dem Thema „Georg Witzel - Rufer zum Frieden und Mahner zur christlichen Einheit in zerrissener Zeit: Sein uneingelöstes Vermächtnis an uns." Die Tagung, vom 5. - 7.3.82, stand unter dem Motto: „Berühmte Rhöner". Eine Würdigung des Vortrags stand in der Rhönwacht, Heft 2, 1982, Fulda und in der Fuldaer Zeitung vom 8.3.82. Das Georg-Witzel-Archiv-Hagen war mit einer Dokumentationsausstellung zu dieser Veranstaltung eingeladen.

Da sich die Drucklegung dieses Heftes verzögerte, ist es mir möglich geworden, die Rangliste der Vornamen des Jahres 1982 beizufügen.

1982

1. Christian, 2. Daniel, 3. Michael, 4. Stefan, 5. Sebastian,

6. Matthias, 7. Andreas, 8. Alexander, 9. Benjamin, 10. Thomas

1. Stefanie, 2. Christine,-a, 3. Julia, 4. Kathrin, 5. Nadine,

6. Melanie, 7. Nicole, 8. Anna,/ Anne, 9. Katharina, 10. Daniela

Die Reihenfolge hat sich nur geringfügig geändert. Bei den Jungen sehen wir statt Sebastian jetzt Benjamin, bei den Mädchen statt Sabrina jetzt Daniela unter den ersten Vornamen. (Siehe Abschnitt 4, 5)

Bernhard Johannes Witzel

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Sekundarliteratur VI: Paul Ludwig Sauer

Prof. Dr. Paul Ludwig Sauer hat im Umkreis seiner 1956 entstandenen Dissertation „Der Dialog bei Georg Witzel in seiner zeitgeschichtlichen und entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung" (1981 durch das Georg-Witzel-Archiv als Sekundarliteratur Nr. 2 in Buchform erschienen) eine Reihe von Aufsätzen in der heimatgeschichtlichen Beilage der ,Fuldaer Zeitung", genannt „Buchenblatter", veröffentlicht, die sich mit der Fuldaer Reformationsgeschichte und damit direkt oder indirekt mit dem Wirken Georg Witzels beschäftigen. Er hat in diesen Untersuchungen das „Modell Fulda" in seiner Eigenständigkeit gegenüber der späteren reformatorischen und gegenreformatorischen Entwicklung herausgearbeitet und bereits damals betont, daß dieses „Modell" auch seine Bedeutung haben könnte für die ökumenischen Bestrebungen unserer Tage.

I. „BUCHENBLÄTTER", 26. Jahrgang (1953):
1. Adam Krafft, der hessische Reformator aus Fulda. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation im Hochstift Fulda.
2. Die „gehorsamen Fuldaer Unterthanen" und ihre „Bekehrungs" -Motive. Aus der Schrift eines Theologen der Gegenreformation vom Jahre 1604.
3. Matthias Flacius und die Fuldaer Jesuiten. Das unterbliebene Religionsgespräch und Flacius' Schrift vom Jahre 1573.

II. „BUCHENBLÄTTER", 27. Jahrgang (1954)
4. Die Fuldaer Severikirche im 16. und 17. Jahrhundert. Zur Geschichte der Reformation und des 30-jährigen Krieges in Fulda.
5. Die Streitschrift des Balthasar Raid wider Georg Witzel. Entschiedenes Luthertum gegen humanistischen Reformkatholizismus. (Dieser Aufsatz wurde wiederabgedruckt in den S F G W 1976, S. 4-18).
6. Nikolaus von Cues und Johannes Kymeus Fuldensis (Teil 1 und 2)

III. „BUCHENBLATTER", 28. Jahrgang (1955)
3. Teil vorgenannter Untersuchung. Dieser Schlußteil ist für die Rezeptionsgeschichte sowohl des Cusaners wie Georg Witzels von großer Bedeutung, da Kymeus beide in eine überaus aufschlußreiche Parallelität hineinstellt, die nicht nur den geistigen Rang Witzels beleuchtet, sondern eine sehr bezeichnende Furcht: Habe Witzel mit seiner „new mittel religion zwischen Evangelicis und Papisticis" Erfolg, „so werden warlich die Paptisten so wenig lachen als wir" (!!).
7. Georg Witzel und die deutsche Predigt. Zur Predigtgeschichte des 16. Jahrhunderts und zu Witzels Fuldaer Reformationsgutachten.

IV. „BUCHENBLATTER", Jahrgang 29 (1956)
8. Antiquitas-Reformatio-Concordia. Winfried Trusen „Georg Witzel, Studien zu seinem Leben und Werk". Würdigung und kritische Auseinandersetzung mit der Göttinger Dissertation Trusens mit z.T. grundsätzlichen Einwendungen (wie sie gegen die gesamte Lortz-Schule bis heute zu erheben sind, auch und gerade im Luther-Jahr!) und die Einwendungen im Detail, so sehr Sauer die Arbeit Trusens als einen Markstein in der Witzel-Forschung anerkennt.

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Was sind „christliche" und „feine" Namen?
Über Georg Witzels „Taufnamenbüchlein",
seine Konkurrenten und Widersacher.


Von Paul Ludwig SAUER

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1.1. Im „Tomus primus" seiner Schriften, der uns durch die verdienstvollen. Bemühungen des Georg-Witzel-Archivs seit 1978 als Reprint wieder allgemein zugänglich ist, findet sich auf den Seiten 241-283 Witzels Taufnamenbüchlein „Onomasticon Ecclesiae", mit vollem Titel „Auserlesene Taufnamen der Christen in aller Welt / welche entweder Ebreisch/Griechisch oder Lateinisch seynd/verdeudschet und ausgelegt /Durch Georgium Wicelium den Elteren", im Richter-Verzeichnis unter Nr. 137,1). Die Erstausgabe (R. V. Nr. 57) wurde von Witzel folgendermaßen vorgestellt: „Die Taufnamen der christenmenschen, beide manlichs und weiblichs geschlechts, deudsch und christlich nicht on besonderm fleis ausgelegt, zu Mentz vor 9iaren gedruckt."

Das Werk erschien 1541 bei Franziskus Böhm (der Drucker erscheint in verschiedenen Werken Witzels sowohl in der Schreibweise „Behem" wie „Böhem"). Die Vorrede ist datiert vom September 1540. Nicht unwichtig ist, daß Witzel der Originalausgabe seines Taufnamenbüchleins als Leitwort das lateinische Zitat aus Luk. 1 gegeben hat „Innuebant autem patri eius, quid vellet vocari eum etc" (Sie winkten aber seinen Vater herbei, wie er wolle, daß (das Kind) heißen solle), was man bereits als einen ersten Hinweis auf Witzels Intention bezüglich der Namensgebung wird ansehen dürfen. Sie im Ganzen deutlich zu machen, soll durch die nachfolgende Untersuchung geschehen.

1.2 Man könnte das Taufnamenbüchlein als ein Erzeugnis am Rande seines Gesamtopus betrachten, als Abstecher in die reine Philologie bzw. als einen frühen Beitrag zur Namensforschung (Onomastik), und zwar zu einem ihrer Teilbereiche, der Erforschung der Rufnamen Vornamen, Taufnamen). Natürlich gehört diese Schrift wissenschaftsgeschichtlich auch in diese Reihe (Ahnenreihe), sowohl als Bestandsaufnahme wie als Positionsbeschreibung. So wurde sie auch von Adolf Bach in seinem Standardwerk „Die deutschen Personennamen" gewürdigt 2). Dennoch ist Witzels Interesse an den Rufnamen - er spricht bezeichnender Weise stets von „Taufnamen" - kein namenkundliches. Vor seiner Besprechung der deutschen Namen spricht er es deutlich aus, daß gerade diese vor ihm bereits von anderen aufgezeichnet und zum Teil auch ausgelegt worden seien, vor allem durch Johannes Aventinus (eigentlich J. Turmair). Aventin tritt in seiner „Bayerischen Chronik" (Annales ducum Boioariae) entschieden für die deutschen Rufnamen und gegen die „newen" Namen wie Peter, Georg, Hans, Paul, Anna, Katharina u.a. ein, weil diese von den Vorfahren nicht gebraucht worden und erst nach dem Tod Friedrich II. mit dem Niedergang des Reiches in Deutschland eingedrungen seien.

Witzel schreibt nun mit Blick auf Aventin und andere, daß er nicht in deren Arbeit eintreten und gemäß ihrer Methode vorgehen wolle (S. 278). (Die Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe im „Tomus Primus".) Sein anders gelagertes Interesse geht schon daraus hervor, daß er sich in seiner Vorrede an die „Christlichen Kinder" („Schulkinder") richtet. Sie eben sollen neben vielem anderen auch lernen, was die Namen, die sie in der heiligen Taufe empfangen, zu deutsch bedeuten. Nur so könnten sie ihn später auch „erfüllen". Eine der vielen Gebrechen der Zeit liege darin, daß viele Menschen ihren eigenen Namen nicht verstünden. Demgegenüber weist Witzel darauf hin, mit welcher Sorgfalt einst Juden und Heiden den passenden Namen far ihre Kinder ausgesucht hätten. Immer habe der Name als Verpflichtung gegolten, und so masse auch jetzt der von den Eltern gegebene Name zur „Tugent reitzen". Sonst komme es zu einem schlimmen Zwiespalt, „als wenn einer Sebastianus heist/das ist/Gotsfürchtig/und er ein gotlos leben füret. Oder so eine Agnes oder Agna heist/das

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ist/keusch/und ist nicht deste weniger discipula Veneris" (S. 242). Gemeint ist sicher nicht nur die „Professionelle".

1.3. Wir spüren aus solchen und ähnlichen Sätzen bereits das Grundanliegen von Witzels „Taufnamenbüchlein": Es ist wie fast in allen seinen anderen Schriften ein theologisches, pastorales, religionspädagogisches. Dies wird noch deutlicher durch seine Ermahnung an die Eltern, ihren Kindern „christliche und feine" Namen zu geben. Wie dies zu verstehen sei, erklärt der folgende Satz, sie sollten „nicht allein auf die Etymology sehen/sondern auch auff die personen der grünenden wolgestalten Christenheit/welche Namen die selbigen gehabt/als Evangelisten/Aposteln/Apostolischen/Martyrern etc". Auch bezüglich der Namensgebung sucht also Georg Witzel der Grundidee seines theologischen Lebens und Wirkens zu folgen, indem er dazu auffordert, sich am „Typus ecclesiae prioris" zu orientieren; er nennt die Gestalt der alten Kirche hier bezeichnender Weise als „grünend". An der jetzigen Kirche müsse man allerlei bauen und flicken, „es sey klein und gros". Deshalb habe auch die Namensgebung der Kinder unter diesem Gesamtaspekt zu stehen, sie habe dem Dienst Gottes und der Ehrbarkeit in der Welt gleichermaßen zu dienen. Und in diesem Zusammenhang kommt Witzel auf jene Sitte bzw. Unsitte (nach seiner Meinung) zu sprechen, weswegen seine Worte als namenskundliche und volkskundliche Quelle zitiert werden (u.a. von Bach a. a. O. S. 362). daß nämlich die Deutschen aus Faulheit ihre Taufnamen verstümmelten.

Er stellt zunächst vollklingende griechische oder lateinische männliche und weibliche Namen vor, z.B. Anastasius, Valerius, Fabianus, Cyprianus, Christina, Justina, Sophia, und fragt, ob nicht jeder lieber so vor den Leuten heißen wolle, als etwa Wolf, Eber, Utz, Kunz, Fritz, Odle, Metz oder Leis. Er fügt weitere Beispiele an far jene Unsitte, schöne Namen kaum halb auszusprechen und so „lame ding" daraus zu machen. Johann (es) werde zu Jen oder Hensel, Andre (as) zu Drebes (besonders in Sachsen), Matthet (= Matthias) werde weiter verkürzt zu Debes, Christoph zu Steffel oder Stoffel, Jakob zu Jekel, Dionysius zu Nys, Sebastian zu Bestel, Nikolaus zu Klas, Elisabeth zu Lys oder Leis, Katharina zu Krein oder Trin, Margarete zu Gele, Maret oder Gret, Magdalena zu Lene, Dorothea zu Dordel oder Dorle, Mechthild zu Mekel usw. Interessanter Weise gebraucht Witzel auch nicht immer die volle hebräische oder lateinische Ausgangsform des Namens, sondern schreibt selbst Johann (statt Johannes), Andres (statt Andreas), Magdalen (statt Magdalena), Jakob (statt Jakobus), Christhoph (statt Christophorus). Des weiteren mutet es seltsam an, daß Witzel bei seiner Kritik an der Handhabung der Rufnamen auch etliche „deutsche Cognomina" anführt (obwohl diese streng genommen nicht zum Thema „Taufnamen" gehören) und als besonders absonderliche Beispiele anführt „Stos auff, Hupff, auf, Spring in sand, Kesselring, Schlag in hauffen, Halt auf der Heide, Hole wein, Got halts, Faulfisch, Gensfleisch" v.a.m. Man kann den Zusammenhang wohl nur so erklären, daß für Witzel von diesen für ihn absonderlichen und „barbarischen" deutschen Familiennamen auch ein bezeichnendes Licht auf den Charakter der deutschen Vornamen fällt.

1.4 Denn über diese und die offenbar schon damals umstrittene Frage nach ihrem höheren oder minderen Wert äußert sich Witzel daran anschließend und definiert seinen Standtpunkt: „Die Deudsche namen verwerffe ich nicht/wiewol sie nach Heidenischen Barbarey fast schmecken: aber die namen/welche die heilige menschen Christlicher Religion anfenglich gefüret haben/lobe ich: Dieselbigen seynd entweder Ebreisch/oder Griechisch/oder Lateinisch. Und solche kann man verstehen/und gewis

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wissen/was ein jeglicher in seiner sprache sey oder bedeute/welchs man in den Barbarischen namen mit mühe errathen mus/und dennoch offt weit vom Zil fehlet" (S. 243). Es ist aus diesen Sätzen bereits erkennbar, wo Witzels Präferenz far die nicht-deutschen Namen begründet liegt, wobei ihm der „nationale" Gesichtspunkt seiner zeitgenossischen und späteren Kritiker gar nicht in den Sinn kommt:

Die Taufnamen aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen sind leichter zu deuten und können also dem erwähnten pastoralen Zweck leichter dienen. Und diese Namen wurden zudem in der „grünen", der vorbildlichen Anfangsgeschichte der Kirche getragen, was sie gleichfalls für eine christliche Erziehung geeigneter macht. Denn christliche Eltern, so der weitere Gedankengang des Verfassers, sollten ihren Kindern Namen nach Christo und nicht nach der Welt geben. In diesem Zusammenhang wendet sich Witzel besondere gegen die Mode des Adels, der aus purer Neuerungssucht „türkische" Namen bevorzugt. Kein Wunder, türkische Sitten verlangten türkische Namen. Wobei man wohl das „Türkische" nicht allzu wörtlich nehmen darf, es ist für Witzel und für andere theologische Schriftsteller des 16. Jahrhunderts eine Sammelbezeichnung für alles Widerchristliche, zu verstehen aus der Bedrohung des christlichen Abendlandes durch ebendiese Türken. (Wir erinnern uns an seine Denkschrift von 1542 für den Fuldaer Fürstabt Philipp Schenk von Schweinsberg zur Grundlage einer Reformationsordnung, in der es heißt: „Wil nicht rugen, das die itzige jugendt yn sünden erzogen wirt, darvon ich für jamer nicht wyter reden mag. Junge Turcken zeugt man auff unnd nicht Christen." 3) Er erwähnt im folgenden Text bei den neuen Modenamen denn auch nur Frankreich, Spanien und Böhmen als Ursprungsländer. Und wiederum ist der Grund für seine Ablehnung der, daß man solche Namen nicht „dolmetschen" könne und daher nicht wisse, ob sie Gutes oder Böses bedeuteten.

Witzel verweist sodann auf die Gewohnheit der alten Römer, ihre Kinder nach sich, d.h. nach dem Vater zu benennen (z.B. Drusus: Drusilla), desgleichen habe es dort ganz allgemein den Transfer von männlichen zu weiblichen Namen häufig gegeben (Paulus: Paula; Irenäus: Irene; Dorotheus: Dorothea). Als weitere Grande für Namensgebung nennt er besondere Taten und Schicksalsschläge, körperliche Eigenschaften und besondere Gewohnheiten. Und dabei betont er abermals die besondere Übereinstimmung von Name und Lebensführung. Bei einer Diskrepanz zwischen beiden liege es nahe, daß „etlich Spotvogel" ihren Sprachwitz an einem solchen Menschen auslassen, wofür Witzel Beispiele aus der antiken Literatur und Geschichte anführt. Auf das grundsätzliche linguistische bzw. onomastische Problem, daß Witzel hier den Namen = Taufnamen etwas zuspricht, nämlich eine Bedeutung oder gar Bedeutsamkeit anstelle bloßen Bezeichnungscharakters, wird später einzugehen sein.

1.5 Einem weiteren, offenbar gleichfalls aktuellen Streitpunkt wendet sich der Verfasser zum Abschluß seiner Vorrede zu, nämlich der anzutreffenden Praxis, Kinder auf jüdische Namen taufen zu lassen. Hierzu lautet sein Standpunkt: „Ein mas geht hin/zuviel ist ungesund" (S. 244). Man müsse hier zunächst unterscheiden zwischen solchen „jüdischen", d.h. aus dem Hebräischen stammenden Namen, die dadurch, daß die Apostel oder Apostelschüler sie getragen , gleichsam zu „christlichen" geworden seien und den rein alttestamentarischen wir Mose, Samuel, Salomon, Isaia u.a. Erstere werden anschließend Witzels erste Namensliste ausmachen. Doch auch für die zweite Gruppe gibt er, noch in der Vorrede zu, daß auch schon „vor diser Newerung" Namen

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wie David, Daniel, Joseph (!) und Zacharias, aber sehr vereinzelt, im Gebrauch gewesen seien.

Man wird hier schwerlich beurteilen können, ob Witzel mit diesen Ausführungen bereits auf eine durch die Reformation heraufgeführte neue Praxis reagiert. Diese erhielt ihren Impuls einerseits von der Bibelübersetzung Luthers, sehr viel stärker dann im Calvinismus und von dessen ausdrücklicher und entschiedener Rezeption des Alten Testaments. Das hierauf gegründete Gottes- und Menschenbild gab den neu-alten Vornamen ausgesprochenen Bekenntnischarakter. Damit erfolgte die große „Welle" alttestamentlicher Namen erst in der zweiten Hälfte des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und auch viel stärker in den angelsächsischen Ländern und in den Niederlanden als in Deutschland.

Witzel wiederholt in seinen Reflexionen zu den jüdischen Namen noch einmal den Standpunkt von „Maßhalten" und präzisiert ihn in der Richtung, daß solche Namen eher denen zukamen, „die da lesen und schreiben künden". Und keinesfalls sollten solche Namen aus Dünkel oder Hoffahrt gegeben werden, ebensowenig sollte mit ihnen die erwähnte deutsche Unsitte der Verkürzung und Verschleifung geschehen, wodurch aus Isaak Sak und aus Ezechiel Sechel werde; das sei das barbarische „Rotwelsch", wofür er gleich noch einige Proben bereithält.

Er beschließt die Vorrede durch eine neuerliche Ermahnung an die Kinder, sich des Namens würdig zu erweisen, den alle Christen gemeinsam trugen, sonst werde es mit der Kirche Gottes künftig „noch viel elender stehen".

2.1 Wir geben nun zunächst eine Übersicht über den Gesamtinhalt von Witzels „Taufnamenbüchlein" und wollen daran anschließend exemplarisch auf Besonderheiten verweisen, die uns bei einigen seiner Namendeutungen auffallen. Witzel gliedert sein Verzeichnis in drei Listen mit Namen aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen mit jeweils 52, 200 und 160 Namen. Es folgt ein Abschnitt „Von Deudschen Namen", keine alphabetische Liste wie bei den antiken Namen, sondern eine Aufgliederung nach „syllaben", d.h. nach ihrer Zusammensetzung. Daran schließt sich eine Liste mit etwa 550 von teils älteren, teils neueren Namen aus den antiken Sprachen, die nach Meinung Witzels gleichfalls „fein", aber ihre „dolmetschung ist eins teils nicht wol zu treffen". Die letzte Zusammenstellung enthält die Namen „Gottloser Heiden, Jüden und Ketzer" (ca. 280). Den Schluß des Werkes bildet eine nochmalige grundsätzliche Positionsaussage des Verfassers, die, wie noch zu zeigen sein wird, über die engere Thematik weit hinausgeht.

Im „Tomus" sind das insgesamt 42 Folioseiten, beim Quartformat des Erstdrucks von 1541 waren es 134 Seiten = 67 Blatter.

Bei den ersten drei Verzeichnissen (Namen aus dem Hebräischen, Griechischen und Lateinischen) verfährt Witzel im Allgemeinen so, daß er zunächst die Bedeutung eines Namens im Deutschen erläutert und dann hierzu eine kurzgefaßte Nutzanwendung gibt, die sich als Konsequenz der Ausdeutung für den christlichen Glauben und die Lebensführung ergibt.

2.2.1 Einige bemerkenswerte Beispiele zu Witzels Umgang mit den hebräischen Namen: Beim Namen „Balthasar" verweist er einmal auf den einen der „Orientischen Könige/so zum Christkindlin gen Bethlehem kamen" und erwähnt auch die beiden anderen, Melchior und Kaspar (er schreibt „Casper"); zum anderen weiß er aus seiner

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Kenntnis des Hebräischen (Aramäischen), daß dieser Name, der eigentlich „Beltsazar" geschrieben werden müsse, aus dem Chaldädischen stammt. (Eine ausführliche Arbeit über Witzels Hebräischkenntnisse wird z.Zt. von Adalbert Boning für das Georg-Witzel-Archiv-Hagen erstellt. - Red.) Er erwähnt den Propheten Daniel, dem dieser Name dort gegeben worden sei (vergl. Dan. 10,1), seltsamerweise aber nicht den im gleichen Buch Daniel vorkommenden babylonischen König gleichen (oder doch fast gleichen, die Schreibweise variiert etwas) Namens, der nach der legendären Gotteslästerung (Menetekel!) vermutlich 539 v. Chr. ermordet wurde, wonach das Reich an die Perser fiel (vergl. Dan. 5). - Bei dem Namen „Elisabeth oder Elisaba/ist auff deudsch/Meines Gottes eid: Welches eids sich alle Christen frewen und trösten/Psalm 109, Luc. 1" erwähnt Witzel, daß diesen Namen „die heilige woltheterin Elisabet aus Ungern mit ehren gefüret". Er verweist auf die spanische Form des Namens („Isabella") und daß die Deutschen aus Elisabeth „Elisa" machten. - Der Name „Johannes" gibt Witzel Veranlassung, zunächst einmal auf die richtige, dem hebräischen Wortsinn („Gnadselig") entsprechende Schreibweise aufmerksam zu machen, zum anderen, um daran zu erinnern, daß seit Christi Geburt kein männlicher Vorname derart häufig gewesen sei wie eben dieser. „Aber wenig arten sich nach der empfangenen gnad/darvon diser name kömpt". in Deutschland werde dieser Name auf mancherlei Weise gebraucht: Johann, Hans, Hen, Hennig, Hensel, Henßlin. Man erahnt aus dieser Aufzählung, wieviele Familiennamen sich hiervon ableiten. - Bei dem Namen „Joseph" berichtet er, daß nach Eusebius ein Bischof zu Jerusalem so geheißen habe, der alttestamentarische und der neutestamentarische Joseph seien wohl jedermann bekannt. Eine uns heute merkwürdig anmutende Zurückhaltung, die noch auffälliger wird bei dem Namen „Maria" oder „Miriam" (= ein Tröpflin des Meers"). Hier verweist Witzel überhaupt nicht auf die Mutter Jesu, sondern nur auf je eine heilige Jungfrau und Märtyrerin in Nikomedien und in Corduba. Von der Geschichte der Vornamen her ist diese Distanz nur so zu erklären, daß beide Vornamen (Joseph und Maria; im Mittelalter und noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts relativ selten waren und sie erst im Gefolge der katholischen Gegenreformation eine weite Verbreitung fanden, vor allem in Öesterreich und Bayern. Es sind, ähnlich wie die Mariensäule, Zeichen der konfessionellen Abgrenzung, weswegen sie in protestantischen Gegenden, trotz ihres biblischen Ursprungs, so gut wie unbekannt blieben. -„Michael" soll nach Witzel nicht nur der Name des himmlischen Erzengels sein („Wer ist als Got?"), sondern auch der vierzigste der heiligen „Ritter", die mit dem hl. Sebastian den Martertod empfingen, solle so geheißen haben; Witzel vergißt nicht hinzuzufügen, daß mit „Michael" die Deutschen einen gemeinsamen Taufnamen besaßen. - Erwähnenswert wäre bei der Liste der hebräischen Namen noch Witzels Betrachtung, die er an den Namen „Salomon" (oder „Slomo") anschließt: Ausgehend von dem hebräischen Wort „shalom" = Friede (auf das er auch in seiner Auslegung des 120. Psalms zu sprechen kommt) 4) mahnt er alle Christen, daß sie stets „Salomones", also Friedensstifter sein sollten, wie es auch die Bergpredigt (Matth. 5, 9) ihnen auftrage. Er verweist auch darauf, daß dem griechischen Namen „Irenäus" die gleiche Bedeutung zugrunde liege.

2.2.2 Wenden wir uns nun Witzels Verzeichnis der aus dem Griechischen stammenden Taufnamen zu und versuchen, auch hier einige bemerkenswerte Beobachtungen festzuhalten: Den Namen „Agnes" bringt er interessanterweise nicht mit dem lateinischen Wort „agnus" = Lamm in Verbindung, sondern mit dem griechischen Wort „agnos"

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oder „hagnos", wovon „agne" und „agnes" die deklinierte Form sei, wiewohl doch die hl. Agnes, Jungfrau und Martyrerin, auf die auch Witzel verweist, aus Rom stammte und dort um 300 n. Chr. den Martertod erlitt. (Bei den aus dem Lateinischen stammenden Namen in der dritten Liste bringt Witzel an dieser Stelle nur den männlichen Rufnamen „Agnellus"). - Auch „Augustinus", von „Augustus" (= der Erhabene) abgeleitet, bringt Witzel unter den griechischen Namen, obgleich er andererseits sagt, daß dies ein kaiserlicher Name sei und von seinem Träger ein „fürstliches gemüte" erfordere. Bei den vorbildlichen Inhabern dieses Namens steht der Bischof von Hippo natürlich obenan. - „Baptista" als Name übersetzt er „einer der da Teuffet" und weist darauf hin, daß die Italiener daraus einen Taufnamen gemacht hätten, um einen Unterschied zu machen innerhalb des „gemeynen namens" Johannes, zwischen denen, die sich „teuffen lassen nach dem Baptisten" and denen „nach dem Evangelisten". Aufschlußreich als Zeitaussage ist seine daran anschließende Bemerkung: Es werde in Deutschland bald so weit kommen, daß man in Deutschland das Wort „Evangelista" zu einem allgemeinen Namen mache, „weils jetzt so viel Evangelisten) gibt", was natürlich ironisch gemeint ist. Allzuviele würden jetzt als ,Evangelisten" oder „Evangelische" auftreten, d.h. als Verkünder und Ausleger des Evangeliums, ohne daß sie nach Meinung Witzels hierzu den Auftrag und die Kompetenz besäßen. (Hierüber hat sich Georg Witzel an anderen Steffen ausführlich geäußert, ebenso Erasmus von Rotterdam.) - „Christophorus" deutet er korrekt als „einer der Christum tregt/ein Christträger. Daran anschließend verweist er aber nicht auf die allgemein bekannte Legende, sondern unterscheidet nur zwischen einem „gemeynen Christoff", der ein Kananäer gewesen sein soll und einem, der in Spanien den Martyrertod gestorben sei. Wichtiger ist ihm aber auch hier, unter Hinweis auf die Apokalypse (Kap. 21) und die Paulusbriefe (2. Kor. 6 und Eph. 3), die eindringliche Mahnung, daß, wenn Gott Wohnung nehmen wolle durch seine Gnade, die Christen auch wirklich als Christträger und Geistträger leben sollten. Und er fügt das Sprachspiel hinzu, in diesen „unseligen Zeiten" seien viel mehr Menschen „Chrysophori", d. h. Liebhaber von Gold und Silber als „Christophori".

Hatte sich Witzel beim hebräischen Namen Maria/Miriam erstaunlicherweise Behr zurückgehalten, so sind seine Ausführungen beim griechischen Namen „Dula" oder „Dule" = „eine Dienerin" umso aufschlußreicher: Nach Luk. I bekenne und nenne sich ,,die Liebe Maria" als eine solche Dienerin Gottes. Das Bemerkenswerte liegt hier darin, daß man von katholischer Seite Luthers Übersetzung des englischen Grußes („gratia plena") mit „Du Holdselige" heftig kritisierte. („Aber da wollen die Papisten aber mich rasend werden, daß ich den Grub des Engels verderbt habe.") Luther antwortet darauf in seinem bekannten „Sendbrief vom Dolmetschen" 5). Er verweist zunächst darauf, daß das traditionelle „voll Gnaden" schlechtes Deutsch sei, von niemand recht verstanden werde, der Deutsche denke da an ein Faß „voll Bier" oder einen Beutel „voll Gold". Dagegen könne sich jeder bei der Übersetzung „Du Holdselige" desto mehr an das herandenken, was der Engel mit seinem Gruß meine. Und dann fährt Luther fort, daß er mit „Holdselige" noch nicht das beste Deutsch getroffen habe. Wenn er dieses hätte nehmen wollen und er den Engel so hätte reden lassen, wie er auf deutsch Maria begrüßt hätte, würde sein Gruß lauten: „Gott grüße dich, du liebe Maria". Aber dann hatten sich die Papisten wohl selber erhängt und noch mehr ihm vorgeworfen, den englischen Gruß zunichte gemacht zu haben. - Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung ist es deshalb bemerkenswert, daß auch Witzel, und zwar in

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ausdrücklichem Kontext zu Luk. 1, 28, von der „lieben Maria" spricht, ein Beweis daß Luthers Übersetzungsvorschlag keineswegs aus einer konfessionellen Frontstellung gegen die Verehrung der Mutter Jesu herrührt.

Verhältnismäßig ausführlich widmet sich Georg Witzel seinem eigenen Vornamen: Er nennt nicht nur dessen Bedeutung im Griechischen, „einer der den Acker bawet", sondern verweist auch darauf, daß Jesus selbst in Joh. 15 davon spreche: „Mein Vater ist ein Ackermann" (Joh. 15,1). Wir übersetzen die Stelle im Buick auf den Kontext zumeist mit „Winzer" oder „Weingärtner". Im griechischen Urtext steht aber georgós. Witzel fügt hinzu, daß die Kirche dessen Acker sei. Auch Paulus schreibe: „Wir seynd Gottes Georgion/das ist/Gottes Ackerwerck (1. Kor. 3,9). Solche biblische Sinndeutungen sind für Witzel bezeichnenderweise wichtiger als das „uber den gemeynen S. Georgen". Das meint den hl. Georg der Legende, in Deutschland seit dem 9. Jahrhundert bekannt (vergl. das ahd. Georgslied), wobei Witzel auch hier über die Legende hinausstrebt und die Königstocher, die Georg nach der Legende aus der Gewalt eines Drachen befreite, als „Christi Kyrch" deutet. Er erwähnt dann noch einen heiligen Georg, der Diakon in Corduba gewesen sei und ferner, daß der im Verzeichnis folgend Name „Gregorius" (,einer der da wachet") häufig mit Georg verwechselt werde.

Bei dem Namen „Helena" übt Witzel eine ebensolche Zurückhaltung wie bei Maria: Trotz aller Mythologie fehlt ihm ein zweites „I", weshalb er es nicht mit „Griechin" übersetzen und lediglich auf Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin verweisen kann. Distanz zur griechischen Mythologie übt er auch bei dem Vornamen „Iphigenie", er macht neben der Deutung des Namens („eine die mechtiglich geboren ist", was er aber zugleich auf die Kirche bezieht, die aus Wasser und Geist wiedergeboren werde) lediglich auf zwei christliche Vertreterinnen, eine ägyptische Königstochter und eine Jüngerin des Apostels Matthäus aufmerksam. Aber: „Euripidis Iphigenia gibt uns hie nichts zu schaffen." - „Marcus" behandelt er zwar unter den griechischen Namen, leitet es aber vom lat. „marceo" (ich lasse ab, nehme ab) her, für Witzel ein Abnehmen und Ablassen von der Lust und der Bosheit der Welt. Er verweist sodann auf die männlichen und weiblichen Taufnamen, die sich von Markus ableiten und daß diese früher sehr häufig gewesen seien. Ähnlich zahlreich seien die Zusammensetzungen mit dem griech. Wort „nike" (Sieg) gewesen; den bekanntesten Namen, „Nikolaus", hätten eine Reihe von heiligen Bischöfen und Martyrern getragen, „die der Christenheit viel guts gethan". Also kein Hinweis auf den speziellen Wundertäter und Wohltäter, der, als einer der 14 Nothelfer, seit dem späten Mittelalter zu einer der volkstümlichsten Heiligenfiguren geworden ist und dessen Fest am 6. Dezember zeitweilig mit dem Weihnachtsfest in seinem Charakter als Fest des Schenkens, besonders an Kinder, konkurrierte. Diesen Brauch finden wir heute besonders in Holland.

Ein überragender Name ist der des Apostels Paulus. Hier stellt es Witzel seinem Leser frei, ihn aus dem Griechischen oder dem Lateinischen abzuleiten. Tue man ersteres, bedeute der Name so viel, daß jemand von etwas abstehe, in einer Sache still halte. Im Lateinischen heiße er „wenig" oder „klein". Beide Etymologien erhalten von Witzel, wie nach den vorhergehenden Beispielen zu erwarten war, eine geistig-geistliche Deutung. Da in der Liste sich der Name „Petrus" anschließt, gibt dies Gelegenheit, die beiden Apostelfürsten als Saulen der Kirche zu würdigen. „Philippus" hätten insgesamt zwölf berühmte Christen geheißen, beginnend mit dem Apostel und dem in der Apostelgeschichte (6, 5) erwähnten Diakon Philippus. Bei „Scholastica" wird mit der

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Schwester des hl. Benedikt auch einmal die christliche Spätantike zitiert, indem es von ihr heißt, sie habe ein „gut geschrey in den Historien."

Mit offensichtlicher innerer Bewegung spricht Witzel über den Namen „Theophilus"/ („einer der Gott lieb hat"): „O ein schöner name/aber das werck ist viel schöner." Außer dem Empfänger des Lukas-Evangeliums und der Apostelgeschichte habe es in der alten Kirche noch neun weitere Träger dieses Namens gegeben. „Habens nicht kleine freude." Zu erwähnen ist hier, daß Witzel in seinem Dialog „Von dem Concilio" (1535) dem Vertreter seiner Position als dem Vertreter des „Typus Ecclesiae prioris" diesen Namen gibt. 6) Die folgenden Namen „Theodorus" und „Theodulus" linden Aufnahme als Namen der Gesprächspartner in seinem lateinischen Katechismus „Catechisticum examen christiani pueri, ad pedes catholici Praesulis" (1541) 7).

2.2.3 In der Reihe der lateinischen Namen (S. 268-278) steht aufgrund der alphabetischen Reihenfolge der Name „Bonifacius" weit vorne. Witzel deutet den Namen nicht wie gewöhnlich von „bonum faturn" (= gute, glückliches Geschick), sondern von „bonum facere" her: „einer, der da gut thut". In der Kirche habe es mehrere Träger dieses Namens gegeben. „Der fürnemist war unser/der Deudschen/erst Christlicher Prediger/der des Evangelii warheit mit seinem blut versigelt hat." Nach Bonifatius kommt bei Witzel „Bonaventura", und hier verweilt er, neben der Übersetzung = „es wirt gut werden", auf den „Gottesfürchtigen Franciscaner" Bonaventura, was deshalb bemerkenswert ist, weil er ansonsten mittelalterliche Heilige in seinem „Taufnamenbüchlein" sehr selten als Vorbilder aufführt. Umso bemerkenswerter auch deshalb, weil er beim Namen „Franco" („ein Abt vor vielen jaren") fortfährt: „Darvon kömpt der name Franciscus/welches da heist/ein kleiner Franck", aber keineswegs den hl. Franz von Assisi erwähnt.

Es wird im Buick auf Georg Witzels Lebenswerk nicht überraschen, daß er bei dem Namen „Concordia" länger verweilt, weniger deshalb, weil es einen Priester und Zeugen Christi Concordius zu Spoleto ünter Kaiser Antonius (Pius) und eine römische Martyrerin Concordia gegeben hat, sondern wegen der Namensbedeutung als solcher, der Liebe und Einigkeit. Abermals erhält seine Sprache eine emotionale Tönung: „Ach/daß solcher viel weren/zu diser unseligen zeit/da alles durch uneinigkeit zu boden geht. Blutige zehren möcht einer hirüber weinen. Selig seynd die Friedstiffter/spricht der Herr/denn sie werden Gottes Kinder. Verflucht sey dagegen/der Eigennutzes und eigener ehre halben/die warheit auffhellt/und die armen Christenheit im unfried und unreformirt so jemmerlich hangen lest." (S. 270). Bezeichnend wie Witzel auch an dieser Stelle Friedlosigkeit und die Unfähigkeit zur Reform in eins setzt. 8)

Beim Namen „Felix" findet sich ein Hinweis auf „Legendenbüchern", nach denen mehr als 25 vortreffliche christliche Männer ihn getragen hätten. Die heilige „Felicitas" muß offenbar zu jener Zeit sehr in Ehren gestanden haben, denn Witzel spricht vom „berühmten heiligen Weib", das allen Christen bekannt sei. Nach der Legende war die hl. Felicitas die Mutter der heiligen sieben Brüder, die um 162 als Blutzeugen starben. Ihr Fest ist am 23. November.

Der Name ,Martin" samt seinen verschiedenen Nebenformen und Ableitungen, die alle in dem lat. Wort „mars" = Krieg ihren Ursprung haben, gibt Witzel Veranlassung, von Kampf und Anfechtung zu sprechen, die die Kirche jetzt und zu allen Zeiten von

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ihren Feinden zu erleiden habe. Ähnliche Ausführungen finden sich beim Namen „Monitor", „einer der die Menschen vermanet und leret", von denen in dieser Zeit viele gebraucht würden, da die Christenheit so „bawfellig" geworden sei. Bei „Processus", ,,der da hilfft/daß/was gut ist/fürtgehe/sonderlich das Christi Evangelium und dienst seinen furtgang gewinne, erwähnt Witzel, daß die Lebensgeschichte dieses hl. Martyrers zu Fuld aufbewahrt werde. 9) Auch beim Namen ,Sola" kommt er auf Fulda zu sprechen: Teile der Reliquien dieses Heiligen seien im ,großen Münster" vorhanden. 10)

Aufschlußreich ist auch Witzels Bemerkung zum Namen „Urbanus". Er deutet ihn, von lat. „urbs" Stadt in dem Sinn, daß einer „stadtlich" (nicht zu verwechseln mit dem heutigen Wort „stattlich"!) oder „höflich" ist, in Worten und Gebärden und meint dazu, eine solche Haltung gehe an, sofern man damit nicht frommen Christen Ärgernis gehe. Sonst habe das zu gelten, was in Eph. 5 stehe: Wahrscheinlich die Warnung des Paulus von „leichtfertigen Reden", bzw. albernem Schwatzen" gemeint (Eph. 5, 4 und 5, 6). So wie er bei „Martin" nicht den hl. Martin v. Tours erwähnt, trotz verschiedener schon damals bekannter Legenden, so hier auch nicht den hl. Papst und Patron der Winzer Urban (gest. 230). Den Abschluß der Liste mit den aus dem Lateinischen stammenden Taufnamen macht „Ursus" (= Bär) mit den Ableitungen Ursinus, Ursatius und Ursula, wobei wir letzteren heute durchaus nicht mehr als fremdländisch empfinden. Auch bei diesem Namen bleibt Witzel seinem Prinzip treu: Trotz der weithin bekannten Ursula-Legende (Köln!) kein Eingehen auf diese, stattdessen eine Exegese im biblischen Sinn: Bär (wie Wolf und Löwen) sollten hinweisen auf die Kraft des Glaubens. Und auch die heilige Kirche müßte in der Welt solche Bären und Löwen haben.

2.3 Witzels Übersicht und Erklärung der deutschen Namen erfolgt, wie bereits erwähnt, in anderer Weise als bei den hebräischen, griechischen und lateinischen. Seine Grundeinstellung gegenüber den heimischen Vornamen, die er dem entsprechenden Abschnitt vorausschickt, zeigt einen Zwiespalt: Einerseits sei in den deutschen Namen viel „Barbarisches", so daß man sie „in keinen verstand schliessen" könne. Außerdem seien einige halb französich oder slawisch. Andererseits verdienten es die deutschen Namen, „weil wir geporene Deudsche seynd", sachverständig ausgelegt und dadurch geehrt zu werden. Dies sei dann umso leichter, wenn diese „Composita" seien; diese seien einfacher zu deuten als die ,Simplicia". Witzel hat hier richtig erkannt, daß die Zweistämmigkeit far die germanischen, auch keltischen, letztlich indogermanischen Vornamen das Typische ist. 11) Sie ist so dominant, daß einsilbige Rufnamen sich häufig als Kurzformen von zweistämmigen erweisen (z.B. Ernst von Ernsting oder Ehrenvest, Arn von Arnwald) oder aber, daß die Tendenz besteht, solche einsilbige Namen durch Suffixe, etwa Verkleinerungsformen wie bei Wulfida, zu erweitern. Als Grund für diese Vorliebe zu zweistämmigen germanischen (deutschen) Rufnamen nimmt die Forschung hauptsächlich ästhetische Gründe an (Stabreimdichtung!). Gehören doch die Vollformen der Namen der gehobenen, fast der kultischen Sprache an. Umgekehrt ist seit dem 9. jahrhundert der Verfall der heimischen Rufnamen auch von daher zu erklären, daß sie mit dem Schwinden der religiös-magischen Bedeutung unverständlich geworden waren. Als Folge davon kamen seit dem 12. jahrhundert zunehmend christliche und d.h. antike Namen in Gebrauch als Namen kanonisierter

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Heiliger, eine Tendenz, die durch die neuen Bettelorden besonders gefördert wurde und wobei Oesterreich, Süddeutschland und das Rheinland auch schon vor der Reformation eine weit größere Aufnahmebereitschaft zeigten als der Norden, die Mitte und der Osten Deutschlands.

Bei seinem Versuch, eine Reihe germanischer Vornamen in und aus ihrer Komposition zu erklären, geht Witzel einen uns seltsam anmutenden Weg, der nur aus seiner humanistischen Gesamthaltung zu verstehen ist: Er stellt jeweils solche Namen zusammen, deren zweites Glied gleich lautet, was beweist, daß er das Gesetz erkannt hat, nach dem die altheimischen Rufnamen gebildet wurden, also etwa, in heutiger Schreibweise, Gotthard, Engelhard, Bernhard, Burghard, Eckhard, Leonhard, Degenhard usw. Aber er hangt diesen deutschen Vornamen jeweils ein „us" an (Engelhardus), und zum anderen erklärt er sowohl den gemeinsamen zweiten Stamm wie auch den unterschiedlichen ersten mit Iateinischen Nomina, also etwa -„hard" = „a robore" und „Burghard" = „ab arce". In der gleichen Weise stellt er Walfried, Siegfried und Wanfried zusammen und erklärt diese Namen mit der Erwählung und dem Streben nach Frieden. Ebenso Volrad, Konrad und Aldrat, der zweite Stamm auf „consilium" bezogen. Auch Vornamen mit der Endung „olfus" werden aneinander gereiht wie Adolf, Ludolf, Rudolf (auch hier immer auf -us auslautend), desgleichen mit der Endung „brecht" („daraus sie jetzt pracht machen") wie Albrecht, Ruprecht, auf „bert", wie Lambert und Robert, auf „bold" (Leopold, Willibold) und schließlich auf „rich" wie Dietrich. Friedrich, Weyrich. Während Witzel bei den Namen, deren zweiter Bestandteil auf olf, brech, bert und bold (gold) endet, auf dessen Erklärung verzichtet oder sie nicht weiß, ist er sich bei dem Zweitstamm „rich" sicher: „Aber dise namen werden sonder zweivel vom richtum (oder wie die newen Deudschen sagen) reichtum componiert/denn die alten Deudschen haben schlecht gesprochen rich/ win/ rhin/ fust/ huß/ muß/ isen/ min/ din/ sin/ wiß/ wip/ lip/ papyr/ latin/ schriben/ ingehen/ uß gehen/ suffen/ schmissen/ schniden/ vertriben/ miden/ und dergleichen one zal." (S. 279). Wir erhalten an dieser Stelle von Witzel einen nicht uninteressanten Hinweis auf die wohl tiefgreifendste -weil den Vokalbest and betreffende- Wandlung vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen, zwischen der Sprache der „alten" und der „neuen" Deutschen, wie Witzel schreibt (wobei das „schlecht" hier die Bedeutung von „schlicht, einfach, einfacher" hat!), nämlich die Diphthongierung der mhd. Vokale î (langes i) zu ei (gesprochen ai), û (langes u) zu au und iu (gesprochen langes ü) zu eu (gesprochen äu), wobei Witzel diese dritte Vokalveränderung nicht auflührt. Über die Gründe hierfür kann man nur Mutmaßungen anstellen, etwa im Hinblick auf seine eigene sprachliche Herkunft bzw. damalige Umgebung. Es ist in bestimmten Dialekten, z.B. auch in der Rhön, üblich, daß dort zwar die Diphthongierung von û zu au durchgeführt ist, aber nicht von iu (ü) zu eu (äu), so daß man dort den Singular eines Wortes gemeinhochdeutsch auf au bildet (z.B. Maus, Haus), im Plural aber von den „Müs" und den „Hüsern" spricht. 12) Bei dem Wort „Papier" („papyr"), das Witzel in seine Beispielreihe der alten, nichtdiphthongierten Wörter mit aufnimmt, konnte er nicht voraussehen, daß dessen Diphthongierung zu „Papeir" (auch „Bapeier) sich nicht durchsetzen würde, sondern hier die zweite Silbe im Gemeindeutschen undiphthongiert blieb, im Unterschied zu rheinischen und schwäbischen Dialekten. 13) Aufschlußreicher noch ist, was Witzel seinem sprachgeschichtlichen (eigentlich lautgeschichtlichen) Exkurs anschließt, nämlich eine Einschätzung und Wertung der „alten

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Deudschen sprach", daß diese dem Latein, woraus so viele unserer Wörter entstanden seien, näher gestanden habe als das, was man jetzt „das hochdeudsch nent". Und er fügt hinzu, man glaube gar nicht, wie viele deutsche Wörter dem Lateinischen entstammten. Und diese Herkunft werde jetzt durch ihre lautliche Entwicklung zum Neuhochdeutschen verdunkelt. (Witzel vertritt in diesem Punkt den genau entgegengesetzten Standpunkt zu einem, wie ihn beispielsweise Jahrhunderte später der Philosoph Fichte verfechten wird, der sich seinerseits auf altere Sprachhistoriker vor ihm beruft: für Fichte ist das Deutsche eine Ursprache" (wie das Griechische) und damit im Rang höher, „lebendiger" als die abgeleiteten „neulateinischen" = romanischen Sprachen). 14)

Nach seinem sprachgeschichtlichen Exkurs stellt Witzel zum Abschluß seines Kapitels über die deutschen Vornamen noch die zusammen, die auf „wig" enden (Ludwig, Hedwig, u.a.), auf „trud" (Gertrud, Irmiltrud), „gund" (Adelgund, Kunigund) „gard" (Hildegard), „hild" (Mechthild, Brunhild) und „heid" (Adelheid), letztere alles „weibsnamen", von denen man, so Witzel, in den Historien der Könige von „Franckreich" (Frankenreich-Merowingerchronik-Stolfgeschichte des Nibelungenliedes?) viele fände. Gedeutet werden diese Namen aber nicht. Wie sich nun auch ein langes Verzeichnis (S. 279-281) von teils antiken, teils germanischen Namen anschließt, von denen Witzel sagt, daß sie alle teils in älterer, teils in neuerer Zeit „in der Kirche" - dies und nicht die Verbreitung als solche ist sein Kriterium! - im Gebrauch gewesen seien, bezüglich derer er aber, weil er selbst keine „Dolmetschung" wüßte, den Leser auffordert, diese selbst auszuführen, nach der Methode, wie er sich vorexerziert habe. Doch nicht in solcherart Bescheidung liegt, im Blick auf jene lange Liste, ein beklagenswertes Defizit, sondern daß sich darin eine Reihe von Namen findet, die sämtlich in der Geschichte der christlichen Kirche einen hohen Rang einnehmen und die deshalb Witzel seiner katechetischen Intention hätte nutzbar machen können. Exemplarisch seien genannt: Beda, Bernhard, Bruno, Einhard, Gangolf, Genoveva, Hatto, Hubert, Jordan, Notker, Notburga, Lothar, Odilo, Reginald, Reymund, Roland, Sebald, Sigbert, Sturm, Ulrich, Willibald, Willibrod, Willigis, Wolfgang, Wendelin, Lioba, Eigil, Lull, Baugulf, Strabo, Gero, Rugger, Ratgar, Wito, Luitger, Bernward u.a.m. ' (jeweils mit dem unnatürlichen lateinischen „us" als Endung!) Bei diesen Beispielen haben wir nicht nur auf die deutsche bzw. germanische Herkunft geachtet, sondern besonders auch auf solche in der Fuldaer Tradition. An solchen wie an den gesamten mittelalterlichen Heiligenviten geht Witzel vorüber. Er wiederholt stattdessen seinen Standpunkt, daß diese Namen zwar Taufnamen christlicher Volker gewesen seien, aber sie seien teilweise doch recht „barbarisch", einige sogar „fast absurda", so daß zu wünschen wäre, daß die Kinder hinfort nur noch solche Namen erhielten, die „alt" (!), gut, schon und eben „verständlich" seien, von denen er ja genügend angeführt habe. Zum Schluß des „Taufnamenbüchleins" wird er diese seine Position noch einmal begründen.

2.4. Vorher bringt er aber noch eine Liste mit Namen „Gottloser Heiden/Jüden und Ketzer", gleichsam zur Abschreckung, „auf daß sie verhasset werden". Es finden sich darin Negativpersonen aus dem Alten und Neuen Testament wie Saul, Kaiphas, Herodes und Pilatus, historische Namen wie Xerxes, Sappho, Hannibal, Attila, Narses, mythologische wie Pan, Pollux, Daphne, Dido, Klytemnestra, Medea, Kassandra, Gyges, Minos u.a. Wie man sieht, eine etwas bunte Reihe. Und doch wird man

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feststellen können daß Witzels Negativlisie bis heute Geltung behalten hat. Auch wenn deutsche Universitätslehrer und Gymnasialprofessoren der klassischen Philologie im 19. Jahrhundert ihr Töchter Iphigenie und Helena, ihre Söhne Hektor und Achill nannten, zu Klytemnestra, Kleopatra, Kassandra, Gyges hat sich unseres Wissens niemand entschlossen; es ist auch nicht bekannt geworden, daß eine entschiedene Feministin ihre Tochter „Sappho" genannt hätte. Einzige Ausnahme wäre „Maja", vielleicht weil dieser Name auch als Nebenform zu Maria existiert.

Witzel begründet seine Ablehnung der Namen aus der letzten Liste nicht nur damit, daß dies alles „böse und lose" (.= gottlose) Leute gewesen seien, und ihre Namen „greuslich" lauteten, sondern auch von der Praxis der alten Kirche her, die „abgöttische" Namen niemals zur Würde von Taufnamen erhoben Witzel verwischt hier abermals gemäß seiner pastoralen und katechetischen Intention den Grundsatz heutiger Linguistik und Onomastik, daß Namen keinen Bedeutungscharakter, sondern nur einen Bezeichnungscharakter besitzen. 15) Durch die Rückbindung des Vornamens, wobei Witzel stets nur von Taufnamen spricht, an das jeweilige altchristliche Vorbild hält er entschieden an einer (inhaltlichen) Bedeutungsfunktion fest, wobei diese nicht so sehr in der Etymologie des Namens liegt als in dem historischen Faktum, ob es in der alten Kirche einen oder rnehrere hervorragende Träger dieses Namens gegeben hat. Ist dies der Fall, stört ihn auch eine genuine heidnische Bedeutung nicht, wie etwa bei „Dionysius" („einer der gern im luder ligt/qui bacchanalia vivit. Magst eigentlich dolmetschen Juppiters son"): Und doch, so heißt es weiter an dieser Stelle (S. 256) wären die heiligen Männer, die diesen Namen getragen, und davon habe es nicht wenige gegeben, alles andere „Dionysii" gewesen, sondern hätten (also entgegen ihrer Namensbedeutung!) „nüchtern und eingezogen" gelebt („eingezogen" hier offenbar als Gegensatz zu „ausschweifend" geprägt).

Von diesem Maßstab her nennt sich Witzel in seinem Schlußwort denn auch ein „Antiquarius", einer der es mit dem „Alten" oder den „Alten" halte. Seine Vorliebe für solcherart „Antiquitet" begründet er mit Zitaten aus Platon, Cicero, Plinius, aber auch aus Eusebius, Irenäus, Tertullian und anderen Kirchenvätern und fügt letzteres hinzu: „Denn mit der Antiquitet kan man noch heutigs tags allerley Ketzer eintreiben." (S. 283) Es ist dies Georg Witzels bekannte Grundposition sowohl zur Reunion wie zur Reformation der Kirche. Sie erklärt vielleicht aber auch noch einmal seine Zurückhaltung, um nicht zu sagen Desinteresse an deutschen, auch fuldischen Heiligenviten. Diese erweisen sich offenbar seinem kontroverstheologischen Anliegen als weniger förderlich als Namen im Umkreis der „alten" Kirche. Und weil diese, -wie überall, so auch hier, - für Witzel die Norm für Einheit und Erneuerung darstellt, ist ihr das katechetische Anliegen (vorn onomastischen ganz zu schweigen) nachgeordnet. Letzteres hätte es verlangt, auch die heimischen Vornamen und damit in vielen Fallen die heimischen Heiligen entsprechend zu würdigen. Es wird zu betrachten sein, ob Witzel dieser hier vernachlässigten Perspektive an anderer Stelle, nämlich in seinen hagiographischen Werken - nach intensivern Quellenstudium in der Fuldaer Klosterbibliothek - nachgegangen ist.

3. Wie bei vielen anderen seiner Schriften tritt Witzel auch mit seinem Taufnamenbüchlein in Konkurrenz zu gleichen oder ähnlichen Werken, zumeist von reformatorischer Seite. Dieser Hinweis ist kein Widerspruch zu unserer früheren Feststellung von Witzels eigenständiger theologischer, pastoraler und volksliturgischer

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Intention. Mochten andere ihre Schriften als neuartig oder gar revolutionär empfinden. Witzel faßte die seinigen auf als Erneuerung alter und beständiger Wahrheiten, als ein Mittel, vergessene und verschüttete Schatze des Glaubens und des sakramentalen Lebens wieder allen zugänglich zu machen.

3.1. 1537 war in Wittenberg in lateinischer Sprache ein anonymes „Namen-Büchlein" erschienen, das eine Reihe von Auflagen erlebte und von 1554 an Luther selbst zugeschrieben wurde. Die spätere Forschung zweifelt die Autorschaft Luthers an und nimmt stattdessen einen Freund des Reformators, Johannes Carion, als Verfasser an. Dennoch wurde die kleine Schrift in den Band 50 der großen Weimarer Luther-Ausgabe aufgenommen (Weimar 1914). 1674 gab Magister Gottfried Wegener in Leipzig das Wittenberger Namenbüchlein in einer eigenen deutschen Übersetzung, mit einer eigenen Vorrede und einem neuen Anmerkungsteil heraus, 16) wobei letzterer das Achtfache des ursprünglichen Textes ausmacht. Aus der Vorrede Wegeners seien die Passagen herausgegriffen, die eine Positionserklärung bezüglich der deutschen, bzw. ausländischen Vornamen darstellen, um sie mit der Witzels zu vergleichen.

Wie Aventin, auf den er sich in diesem Punkt ausdrücklich beruft, beklagt auch Wegener, daß das Papsttum und die römische Kirche den Deutschen ihre eigenen schönen Namen verleidet und ihnen fremde aufgedrängt hatten. Er fahrt sich und seine Vorfahren als Beispiele an: Seine Großvater hatten noch Bartholomäus und Nikolaus geheißen, seine Großmutter Margareta und Barbara, seine Mutter Maria, sein Vater Martinus, wahrend ihm der schöne deutsche Name (= Vorname) Gottfried gegeben worden sei, wobei er in diesem Zusammenhang das gleiche Argument wie Witzel, nur eben mit umgekehrter Tendenz gebraucht. Weil der in der heiligen Taufe empfangene Name far Christen eine Verpflichtung darstelle, masse dieser ein deutscher Name sein, weil nur ein solcher verständlich. So erinnere ihn etwa sein eigener Name an den „tröstlichen Gnadenbund", den Gott durch die Taufe mit ihm geschlossen und den er im Glauben zu befestigen strebe.

Doch so wie Witzel die deutschen Namen nicht grundsätzlich verwirft, so schwächt auch Wegener seine eindeutige Präferenz far die deutscher und gegen die antiken Namen im weiteren Verlauf seiner Vorrede ab, daß eine Reihe hebräischer, griechischer und lateinischer Namen durch ihnen langen Gebrauch unter Christen das „Bürger-Recht" erhalten hätten, und viele hätten ja auch eine „liebliche und gute Bedeutung". Aber genau diese masse der „Einfaltige" erst lernen, and der „größte Hauff" wüßte und verstände nichts davon. Wegener gibt seinen Lesern die Auswahl solcher Namen mit „Bürger-Recht", darunter Hanna, Maria, David, Andreas, Nikolaus, Christoph, Eugen, Georg, Stephan, „Bonifacius" (auch von ihm mit „Guthäter" übersetzt), Urban, Vincenz u. a. m., alles Namen, die von ihrer Bedeutung her ihre Träger zum Guten ermahnen konnten. Dennoch - und hier spürt man die konfessionelle Verengung von rund 150 Jahren - seien dieselben „von der Päbstisch-Römischen Kirchen" den Deutschen „mit Abschaffung der Ihrigen gleichsam an- und aufgedrungen worden". Außerdem - und hier berührt sich Wegener wieder mit Witzel - hätten die Deutschen diese fremden Namen, weil ihnen unverständlich, verstümmelt. Wer wüßte z.B. was ,Karges" sein solle, daß es die Verstummelung des griechischen Namens „Eucharius" („Angenehm/oder der Gunst hat") sei? Und noch ein weiterer Bezugspunkt mit Georg Witzel findet sich bei Wegener, trotz der gegensätzlichen Grundtendenz, daß nämlich auch er gegen die Unsitte der Zeit (also noch immer oder schon wieder) polemisiert,

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aus purer Modesucht den Kindern fremdländische, wunderlich klingende Namen zu gegen.

Eine Abschwächung ganz anderer Art nimmt Wegener an seiner Position vor, wenn er sich gegen den Branch wendet, Kindern solche Namen zu gegen, die von „reissenden, grimmigen/unflätigen, schmeichelnden und arglistigen Thieren" abgeleitet seien. Solche gäbe es in allen „Haupt-Sprachen", und Wegener bringt Beispiele von Leo bis Agnes, von Alkestis bis Porcia, von Columban bis Ursula, die eine Heilige gewesen, der die „Prediger-Münch" eine Kirche in KöIn gebaut und ihre Legende gedichtet hätten. Bei solcher grundsätzlicher Aversion gegen Namen, die aus dem Tierreich stammen, komrnt der Autor nun mit seiner Euphorie für die deutschen Rufnamen in Konflikt. Denn auch hier gibt es ja eine Fülle entsprechender Beispiele, von denen Wegener einige aufführt, wie Bernhard, Leonhard, Wolfgang. Dazu meint er, daß die „alten Griechen und Deutschen" barbarische und Starke Leute, gute Krieger und Soldaten gewesen seien und deshalb mit solchen Namen ihre Kinder„zu gleicher Art und Gewohnheit" hätten hinführen und zur „Tapferkeit" aufmuntern wollen. Christen, nach Gottes Ebenbild geschaffen und zur Sanftmut und Freundlichkeit verpflichtet, ständen aber diese Tiernamen nicht mehr zu.

3.2 Das ursprüngliche Kernstück des ,Namen-Büchleins" von 1537, also ohne Wegeners späteren ausführlichen Kommentar, bringt eine Erklärung der deutschen Vornamen, nach dem gleichen Prinzip angeordnet wie bei Witzel, also nach dem zweiten Stamm, auf den die zweigliedrigen Namen enden, immer mit dem Vorspruch „sind rechte Deutsche Nahmen", z.B. „Alle Nahmen/so sich auff Rich endigen/sind rechte Deutsche Nahmen" (S. 8). Auf die Namensregister im einzelnen gehen wir ebensowenig ein wie auf die zusätzlichen gelehrten Erlauterungen Wegeners, möchten nur hervorheben, daß der Verfasser von 1537 bei all seiner Vorliebe für die heimischen Vornamen eine gewisse humanistische Intention nicht verleugnen kann, indem er häufig bei der etymologischen Erklärung der Namensbedeutung die griechische oder lateinische Entsprechnung angibt, z.B. „Volckhart": „das ist eine Stärcke/Seule/Stütze und Erhalter des Volckes/Griechisch heist er Demosthemes" (S. 26). Dabei beachtet er genausowenig wie Witzel eine These der modernen Onomastik, daß Namen (sowohl Rufnamen wie Familiennamen) ihrem Wesen nach unabersetzbar sind.

Erwähnenswert ist noch, daß Carion, wenn er der Verfasser des Büchleins von 1537 ist, sich an verschiedenen Stellen um den Nachweis bemüht, daß Vornamen zu Familiennamen wurden, was bei „Lothar(ius)" zu „Luther" ein naheliegendes Beispiel ist. 17)

4. Wegener hatte in seiner Neuausgabe des unter Luthers Namen gehandelten „Namenbüchleins" keinen Bezug auf Witzels „Onomasticon ecclesiae" genommen und sich auch in der kontroversen Frage der deutschen Vornamen, bei aller Deutlichkeit seines Standpunktes, in der Polemik zurückgehalten.

In einem der Schrift Witzels zeitlich sehr viel näher liegenden Werk geschieht beides umso leidenschaftlicher. Es handelt sich dabei um ein, das die Literaturgeschichte als eines der bedeutendsten des deutschen Sprachraums am Ausgang des 16. Jahrhunderts einstuft: Bekannt wurde es unter dem Kurztitel „Geschichtklitterung" (sein im Stil der Zeit bombastischer offizieller Gesamttitel füllt zwei Buchseiten!), verfaßt von dem Straßburger Johann Fischart (1560 bis 1590). 18) Es ist eine freie Nachdichtung des

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satirischen Romans „Gargantua" von Francois Rabelais (1483 [?] bis 1553). 19) Georg Witzel und sein Taufnamenbüchlein kommen freilich in den Roman Fischarts hinein, wie Pontius Pilatus in das Credo, wobei dies andererseits bei diesem Autor auch wieder nicht verwunderlich ist, weil er an zahlreichen Stellen seines Werkes nach allen Seiten ausholt, um möglichst viele tatsachliche oder vermeintliche Gegner vor sein satirisches Gericht zu ziehen, nicht zuletzt die verschiedenen Laster innerhalb der Stande (Ständesatire). Wenn irgendwo in der deutschen Literatur Satire, Persiflage, Karikatur, Parodie, Travestie, oder wie man diese im Oberrheinischen auf eine lange Tradition (Brant, Murner!) zurückgehende literarische Position und Methode auch nennen mag, bis zum Exzess gesteigert sind, dann hier, wobei Fischart zugleich, in Verfolgung sowohl seiner literarästhetischen, wie seiner zeitkritischen Intention die deutsche Sprache in ihren semantischen und syntaktischen Möglichkeiten, wie auch in ihren poetischen Formen, durch rnaßlose Häufung und Reihung, grotesker Übertreibungen, Sprachspielereien, Verdrehungen und ungezügelten Konnotationen, an eine von keinem späteren mehr erreichte oder gar überschrittene Grenze gebracht hat. Als „manieristisches Kunst werk" und als „verwirrtes Muster einer verwirrten Welt" stellt deshalb die neueste Untersuchung von Christoph Mahlemann (1972) die „Geschichtklitterung" heraus. 20) So sprengt denn auch immer wieder der satirische Exkurs Fischarts seine Vorlage, die Lebensgeschichte des Riesen Gargantua „etwan von M. Frantz Rabelais Frantzösisch entworffen: Nun aber uberschrecklich lustig auf den Teutschen Meridian visiret." 21) Da der deutsche Nachdichter bereits das erste Buch des Rabelais um das mehr als Dreifache seines Umfangs steigert, hat er dessen zweites Buch, in dem es um das Schicksal Pantagruels , des Sohns von Gargantua, geht, erst gar nicht mehr in Angriff genommen.

4.2 So wie die Schreibweise des Verfassers, so sprengt auch der monstriöse Titelheld jedes menschliche Maß. Da es sich als unmöglich erweist, für das Riesenkind die nötige Anzahl „Säugammen" aufzutreiben, müssen mehr als tausend Kühe herbei, seinen Kinderwagen müssen vier starke Ochsen ziehen, und wenn er Wasser laßt, kann man damit ein Mühlrad zum Drehen bringen. Im gleichen 10. Kapitel, da dies berichtet wird, geht es nun auch um die Namensgebung für Gurgullantula, Gorgellantua oder Gurgelstrozza", der nach dem Willen seines Vaters deshalb so heißen müsse, weil er, sobald er das Licht der Welt erblickte, ein so "schrecklich Geschrey" ausgestoßen habe und seitdem ein „durstig Schreiling" geblieben sei. Denn schon bei den alten Hebräern, so merkt Fischart an dieser Stelle an, sei es der Brauch gewesen, nach „gestalt der sach" für die Kinder den Namen auszuwählen (wir erinnern uns des ähnlichen Hinweises von Georg Witzel im Vorwort seines „Taufnamenbüchleins"), wobei nach seiner Meinung auch die Mutter ein gehöriges Wort mitzusprechen habe.

4.3 In diesem Kontext nun kommt Fischart auf „Jörg Witzel" zu sprechen (S. 157 ff), der gleichfalls „hie von Witzelt" und „meynt man soll die Kinder all Latinisch auff ein us und sus nennen, gleich wie man sie Latin tauffet". Warum dann nicht gleich welsche, slawische oder türkische Namen wie „Ceco ünd Beco, Malatesta, Malesspina.... Baiazet, Zisca und Rockenzan", die seien ja auch fremd. Man erkennt bereits, daß Johann Fischart Witzels Anliegen überhaupt nicht verstanden, bzw. bewußt mißverstanden hat. Ging es Witzel ja nicht um fremdländische Namen als solche - sofern diese nur um des Neuen und Fremdartigen willen gegeben würden, lehnt er diese

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Unsitte geradezu ab - sondern um Namen, die durch ihren Gebrauch in der „alten" Kirche geheiligt worden waren.

Fischart wendet sich sodann den Witzelschen Beispielen far die von diesem gerügte Namensverstümmelung zu (vergl. unser Kap. 1.3) und erweitert die dortige Liste noch einmal um das Doppelte, um dann aber zu fragen: „Wie dann? thut es ihm so wol inn seinen Priscianischcn Witzoren, wann man die Susnamen so schön vergorgeld, verjörgeld, verjoeelet und verhundstutzet... Sollen diese gemarterte wörter einen angenehm machen, da sie doch keiner versteht: ja wann jeder Odenwälder einen Witzel bei sich hett, ders jm auß witzeliger weiß ausführlich außleget. Solt ein Kabißbauer in seim Kabiskopff nit besser verstehn, wann ich jhne nennt Wolffbarte, Hildebrand, Sigfrid, Friderich, Gottfrid, Winrich, Hartmann, Gebart, Burckhart, Richart, Bernhart, Vischart, Volckhart, Reinrat, Kunrad, Reinhold, Richwin, Winhold, Bruder Birhold, Waltherr, Landbrecht, Lautbrecht, Volckmeier, Eberhart und Degenhart.

Was? solt ich bei Mannlichen Lenten nicht angenemer werden, wann ich ein solchen Knebelbartfressigen Namen hette, der von gethoen vnnd hall den Leuten außzusprechen ein lust gibt, als Eisenhart, Kerle, Hörebrand, Hartdegen, Schartdegen, Degenwerd, Wildhelm, Helmschrot, Voland, Grimmwald, Grimmhild, Kibhelm, Kunhelm, Fastkun, Eisenann, Howart, Marckhawart, Rauchschnabel, Wolffskal, Fuchsmagen, Pickhart, Raumland, Hagelwild, Hartmut, Manswerd, Manwurg, Muckensturm, Manrich, Hochschritt, Werruch, Wischgul, Hörschinn, Hardknot, Wolsporn, Wolfhelm, Stich den Teuffel, Trag den Knaben, Brech den Busch, etc." (S. 158)

Liest man diese Vorschlagsliste Fischarts bezüglich der angesprochenen „Kabißbauern", fragt man sich, ob er tatsächlich diese Namen gegen Witzels lateinische in Vorschlag bringt, vor allem diejenigen des zweiten Abschnitts, oder ob er sich im Gegenteil über die Germanophilie lustig machen möchte. Seine Wendung von den „Knebelbart-fressigen Namen" nährt solchen Verdacht. Denn Fischart weiß natürlich, daß die volltönenden und ihre Bedeutung offen aussprechenden germanischen Vornamen langst aus der Mode gekommen waren (eben durch allerlei Kurzformen, bzw. durch die neuen Heiligennamen, die ihre Lebendigkeit gerade dadurch erwiesen, daß sie gleichfalls verkürzt wurden) - am meisten doch wohl bei den „Kabißbauern".

Und auch bei der sich anschließenden Reihe von Namen, gedacht für „stillfridsame und sittsame Leut", denen er „das Muß auch süß einstreichen" und mit „philosophischen" Namen aufwarten könne - und nun folgen Namen wie Richfrid, Gottfrid, Lantfrid, Gottwald, Trostwehr, Jesuwalt, Goldacker, Christman, Gothart, Gebrich u. a. - regt sich der Verdacht, daß Fischart hierbei mehr eine überzogene Sinngebung bei der Namensverleihung ironisiert, als daß er ernsthaft diese Namen einfahren möchte. Das Gleiche gilt für die folgenden weiblichen Vornamen, auch sie scheinen an der Grenze zwischen Ernst und Spott angesiedelt, verbunden mit einem far Fischart tvpischen Auskosten der phonetischen und semantischen Sprachfülle, z.B. bei „Rosenmund, Honiggurgelin (Gargantuas Mutter), Schmandkälchen, Gottshulda, Trugarta, Liebwarta, Adelinda, Adeltrud, Mechthilda, Ehrentrut, Engeltrut" usw..

Solcherart Namen wären doch wohl den Ohren angenehm. Was Anlaß ist, daran

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A paraphrasing of pp. 102-105:

Georg Witzel’s booklet(a) caused several critics and antagonists to write against him and his work. One of them was Johann Fischart of Straßburg (1560-1590). He remarked that “it must sound sweet in his Priscian(b) 'Witz'-ears(c) when the names [of children] will be made so beautifully ugly!(d) Should such tortured words make a person feel more accepted simply because nobody understands them? If only every inhabitant of the Odenwald(e) could have a Witzel by his side who might explain the words in a 'wittily' way”

He critizised Witzel in his work “Geschichtsklitterung”(f), one of the most important German satirical works of the 16th century - a free adaptation of Francois Rabelais’ “Gargantua”. Georg Witzel and his Taufnamenbüchlein appear in its pages like Pontius Pilatus in the Credo. This work is such an exaggeration that it bursts all limits. The giant baby in this story needs more than 1000 cows to provide his milk and four bulls to pull the baby carriage. This baby is called “Gurgullantula, Gorgellantula or Gurgelstrozza”.

Fischart then begins to satirize “Jörg Witzel” for wanting to christen all children with Latin names, suggesting that Witzel has no heartfelt appreciation for harmonious Germanic names. “The good man” Fischart says “honours his Greek farmer’s name (Georg) but despises his inherited German name” which is not Latin. He does not want to become known as “Kälblin Vitellus”(g)!

a

Taufnamenbüchlein - 'Baptismal Names Booklet'

b

Latin grammarian.

c

witz meaning ‘joke’.

d

Vergorgeld, verjörgelt, verjocelet and verhundstutzet are all artificial and new “found” words with the intention to let the reader smile about their funny pronunciation.

e

Odenwald – a forest in NW Bavaria.

f

Geschichtsklitterung, 'Historical Misrepresentation'. Johann Fischart (1548 - 1591) was a German satirist and moralist. He lived in Strasbourg. He translated and paraphrased works by Rabelais called Geschichtsklitterung, published in 1572, 1575, and 1590. Francois Rabelais (c. 1494 - 1553) was a major French Renaissance writer.

g

kalb, meaning 'calf'; -lin, a diminutive meaning 'little'; and in Latin vitellus is 'the yolk of an egg', but Vitelles is a standard family name.

anschließend wieder gegen Georg Witzel zu polemisieren, der offenbar für den Wohlklang heimischer Vornamen keinen Sinn habe: „Der gut Herr" achte wohl seinen „Griechischen Bauernnamen" (= Georg) hoch (also seinen Vornamen), verachte aber „seinen Teutschen ererbten Namen", der ja nicht Latein sei; er wolle ja wohl nicht das „Kälblin Vitellus" werden (d.h. seinen Namen = Familiennamen von lat. vitelles = Kalb ableiten). „Verschmeckt also seine Vorfahren, die denselbigen Namen allein gebraucht haben; denn unsere Vornamen sind nicht eher auffkommen, als da wir Christen worden, on daß die Wohlgeborene jhren sitz unnd Herrschaft gemeynlich, doch nicht allzeit, darzu setzten". (S. 159)

Die hier formulierte Kritik Fischarts an Georg Witzels Verhältnis zu seinem eigenen Namen (Vor- und Nachnamen) berührt unmittelbar Herkunft und mutmaßliche Bedeutung des Familiennamens Witzel. Zunächst ist es richtig, daß Fischart ihn fur einen ursprünglichen Vornamen halt. Und zwar ist er far ihn ein „ererbter Teutscher Name". Damit schließt er sowohl die Herleitung von deco lateinischen Namen „Vitus" wie von dem slawischen (böhmischen) Namen ,Wenzel" aus (obwohl letzteres in einem der namenkundlichen Standardwerke, dem von Max Gottschald, 22) so vorgenommen wird). Dann bleibt als einheimische Ableitung und Deutung die übrig, für die es in verschiedenen anderen Namen-Lexika 23) übereinstimmende Belege gibt: Danach ist „Witzel" die Kurzform von „wigant" (Wiegand, obd. Weigand) = Kampfer. Grundform wäre demnach das althochdeutsche Wort „wig" = Kampf. Nebenformen zu Witzel sind nach der gleichen Quelle sowohl „Wetzel" wie die diphtongierte Form „Weitzel". Die Entwicklung des Namens ging nach dieser Theorie über eine Kurzform „blitz" oder „Wiz", die sich zu der Vollform so verhalt wie Fritz zu Friedrich, Lutz zu Ludwig, Hinz zu Heinrich, Kunz zu Konrad; das Suffix el, das zu der Kurzform hinzutrat, ist zwar oberdeutschen Ursprungs, aber bis zum Thüringischen oder Ostmitteldeutschen nachweisbar in Namen wie Kanzel, Menzel, Riedel, Seidel, Hertel, Hempel, Stenzel, Henschel u. a. m. Ein Name wie „Künzel" wäre demnach analog gebildet: Vollform ,Konrad", Kurzform ,Kunz", Familienname „Künzel" (mit Umlaut). Eine andere Theorie 24) nimmt als ursprünglichen Stamm des späteren Namens Witzel nicht wïg = Kampf, sondern das and. Wort „wïtus" = Holz, Wald an und konstruiert dann doch eine Verbindung zu dem Lat. „Vitus" (als Name eines der 14 Nothelfer wie als Weiterentwicklung von „vita" = Leben). Unabhängig von solcher Rückbindung ist eindeutig nachweisbar, daß der spätere Familienname Witzel zunächst als Vorname in Gebrauch war, wofür die Forschung eine Reihe von Zeugnissen aus dem 14. und 15. Jahrhundert für den hessisch-thüringischen Raum nachgewiesen hat. Bezieht man Flurnamen wir „Wisselsrod" (auch Witzelsrod Wetzelsrod) im Landkreis Fulda oder „Witzelroda" bei Bad Salzungen ein (Witzelroda hat einen anderen Ursprung -d. Redaktion), kann man his in das Jahr 1000 zurückgehen. 25) Diese genealogischen Hinweise berühren uns an dieser Stelle nur insofern, als daß Fischart von dem ursprünglichen Gebrauch von Witzel als Ruf- (Vor) Name noch wußte. Seine generelle Feststellung, daß in früheren Zeiten Vor- und Nachname (Familienname) zusammenfielen, ist gleichfalls richtig. Undeutlich und mißverständlich ist aber seine Bemerkung bezüglich der Differenzierung zwischen Vor- und Nachnamen, denn in der geschichtlichen Entwicklung sind natürlich die Familiennamen das Hinzutretende (etwa seit dem 12./13. Jahrhundert, zunächst nur in den Städten), wobei wir bekanntlich außer ihrer Herkunft aus ursprünglichen

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Rufnamen - wie bei Witzel, wenn die Zeugnisse stimmen - die nach der Wohnstätte der Herkunft, dem Beruf und aus sogenannten „Übernamen" kennen. 26)

Fischarts Polemik gegen Witzel bezüglich seines Namens wird nun in den folgenden Sätzen in sich widersprüchlich: Hatte er ihm doch vorgeworfen, er hatte seinen „ererbten deutschen Namen" (also den Familiennamen, der aber ursprünglich ein Vorname gewesen war) nicht hoch genug, so dient ihm jetzt eben dieser Familienname Witzel zu allerlei spöttischen Sprachspielen wie „Trostwitz, Kleinwitz", ferner „witzeln"; womit er den Namen mit dem Appelativum „Witz" in Verbindung bringt, was aber, entgegen der späteren Bedeutungsverengung, ursprünglich - als Abstraktum zu „wissen" - so viel wie Wissen, Weisheit, Klugheit, Verstand bedeutet, aber eben keine Beziehungen zu dem Namen Witzel besitzt, sonst wäre ja Fischarts vorhergehende Argumentation hinfällig. Polemische Ausdeutungen seines Namens ertährt Georg Witzel auch von anderen Gegnern, dies war eine beliebte Methode des geistigen Kampfes zu dieser Zeit, auch Luther mußte sich ständig solches gefallen lassen (Luther = Lotter, Luder).

4.4 Aufs Ganze gesehen muten die polemischen Ausfälle Johann Fischarts gegen Witzels Taufnamenbüchlein doch etwas an den Haaren herbeigezogen an. Andererseits beweisen sie, wie bekannt dieses, auch in protestantischen Ländern, gewesen sein muß. Von dem pastoralen und katechetischen Anliegen Witzels, das wir als das eigentliche Anliegen des Werkes herausgestellt haben, erfaßt der Straßburger Sprachakrobat und grimmige Satiriker freilich nichts.

Allerdings spürt man Fischart insofern die entscheidende Schwachstelle bei Witzel auf, als er dessen Minderachtung der christlichen Taufnamen germanischen Ursprungs mit einer Liste von Bischöfen und Äbten konfrontiert, darunter Erbargast zu Straßburg, Burghard zu Würzburg, Ehrenbrecht zu Freising, Meinrad zu Einsiedeln, Willigbrod zu Utrecht u. a. m., deren Glaube doch gewiß nicht „barbarisch" gewesen sei. 27) Besagte Schwäche ist eine grundsätzliche des humanistischen Reformkatholizismus: Daß er auch in anderen Bereichen als dem der Namensgebung wenig Gespür besitzt für religiöses Brauchtum aus heimischen und das heißt u. U. auch vorchristlichen Traditionen. Diese aber prägten weithin vor allem die bäuerliche Mentalität und deren Frömmigkeitsausdruck. Andererseits wird die humanistische Aversion gegen bestimmte Formen der Volksfrömmigkeit verständlich angesichts derer Mißbräuche und Übersteigerungen, die oft genug in Aberglauben übergingen. Insofern ist Witzels Distanz zu den deutschen Taufnamen Teilstück einer typischen Haltung: Bevorzugt wird, was sich klar und verständlich auslegen alles Dunkle, Mehrdeutige und Irrationale wird vermieden, eine Position, die später in der Aufklärung absolut gesetzt wurde. Von daher erklärt sich, daß der Aufklärungstheologe Wilhelm Abraham Teller zu Berlin (1734-1804) der erste war, der Witzels Bedeutung, gerade auch für die deutsche Sprache, gewürdigt hat. Indem für Witzel zu stark die vermeintlich höhere etymologische Klarheit der antiken Namen den Ausschlag gibt, versperrt er sich und seinen Lesern den Blick auf so viele heilige Männer und Frauen des germanisch-deutschen Mittelalters, deren Leben der Gesamtintention des Taufnamenbüchleins hatte nützlich sein können.

4.5 Blickt man von dem im 16. und 17. Jahrhundert offenbar erbittert geführten Streit her um die deutschen Vornamen auf die heutige Situation, welche Namen am beliebtesten

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English translation of pp. 105-106:

Fischart’s criticism of Georg Witzel’s relationship to his own name (both his first and family names) touches upon the very origin and meaning of the surname Witzel. Initially, Fischart is well-founded with regard to the name’s origin from a personal first name. In his opinion, it is very much a native Germanic name. So he excludes the belief that it is derived from the Latin name “Vitus” - and, likewise, from the Slavic or Bohemian name “Wenzel” (Vaclav). (In Max Gottschald’s Deutsche Namenskunde, 'German Name Histories',(22) and other name-dictionaries, it is stated that Witzel derives from Wenzel).

As a native explanation and interpretation – and as several other name-dictionaries indicate – Witzel is the short-form of “wigant” (Wigand, Weigand), 'fighter'. The root is therefore the Old High German word “wig“, 'fight'. A related form is - from the same root – “Wetzel”, and the diphthong form “Weitzel”. According to this theory, Witzel develops from the short-form of “Witz” or “wiz” into the long-form, as seen also in Fritz to Friedrich, Lutz to Ludwig, Hinz to Heinrich, Kunz to Konrad. The suffix “el” was added to the short-form and is from upper German origin, and can also be seen in the Thuringian area or in eastern middle Germany in names like Künzel, Menzel, Riedel, Seidel, Hertel, Hempel, Stenzel, Henschel, etc.. Künzel was formed in a similar way: from the long-form “Konrad” is found the short-form “Kunz” - and family name “Künzel” (with an umlaut). Another theory(24) refutes an origin from “wig“, 'fight' and, instead, claims an origin from the Old High German word “witus“, ‘wood, forest' and indicates a connection with the Latin word “Vitus” (as in the name of one of the 14 Holy Helpers - also as a continued development of “vita”, 'life').

Despite these varied suggestions, it becomes quite clear that these sources indicate that the family name Witzel was from the beginning a personal name.(a) Research indicates some evidence within the Hesse-Thuringian area dating to the 14th and 15th centuries. When place-names like “Wisselsrode” (also Witzelsrod, Wetzelsrod), in the district of Fulda, or “Witzelroda”, near Bad Salzungen (Witzelroda has another origin), are included, the name may be dated back to the year 1000.(25) These etymological examples are only of interest to us because they show that Fischart had knowledge that the name Witzel was originally a first name. His general comment that the earlier awareness that first names were used as surnames faded is also correct. Unclear and misleading are his comments concerning the differentiation between first names and surnames. In the historical development the family names are, of course, the added link (since about the 12/13th century, at first in the towns). We know that these surnames came originally from first names, – as it is with Witzel if the evidence is correct – residence, birthplace or profession, and are so called “Übernamen” (overnames).(26)

Fischart’s attack upon Georg Witzel’s name began to contradict itself in later statements: He discredited him for having an "inherited German name" (a surname which was once used as a first name) that lacked social sophistication. Fischart then used Georg's name for all kinds of mocking word-games such as Trostwitz, ‘comfort joke’, Kleinwitz ‘small joke’. Furthermore, Fischart aligns the name Witzeln(b) with the appellation "Witz", which is quite contrary to his initial intent, because this word is derived from the root meaning 'to know', and, therfore, implies ‘knowledge' and 'wisdom’(c). One would think that this would have no associaton with the name Witzel; for otherwise, Fischart’s former puns would appear unfounded. Georg Witzel experienced many polemic attacks regarding his name from other critics. This was a popular method of intellectual fighting during this time. Luther also suffered similar attacks. (Luther = Lotter 'scapegrace', Luder = minx, 'blighter').

a

It must be kept in mind that prior to the mid 1300's, last names were not used among most Germans. In 1390 records describe a Witzel von Hünfeld. Clearly, this is a transitional example. Since Roman times, however, among the elite, a person may have had more than a single personal name, often with some indication of a family line.

b

witzeln - to be witty.

c

wissen - knowledge, wisdom, cleverness, intellect.

und welche in Vergessenheit zu geraten drohen, so bestätigt die diesbezügliche Statistik für das Jahr 1981 die Praxis der vorausgegangenen Jahre: Biblische und christlich-antike Namen, neben einigen fremdländischen, behaupten ihre Spitzenposition, wahrend einheimische weder bei den männlichen noch bei den weiblichen Vornamen auf den ersten zehn Plätzen erscheinen. Die beliebtesten Jungennamen waren (in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit): Christian, Michael, Daniel, Stefan, Andreas, Sebastian, Matthias, Markus, Alexander, Thomas; die beliebtesten Madchennamen: Christine, Stefanie, Julia, Sabrina, Melanie, Nadine, Kathrin, Katharina, Nicole, Anna. 28) Ob bei dieser Beliebtheitsskala die eindeutige Dominanz von Apostel- und Heiligennamen der Intention von Witzels Taufnamenbüchlein folgt, nämlich Ausdruck zu sein einer entsprechenden christlichen Gesinnung, muß mehr als bezweifelt werden.

Viel eher halt sich die heutige Namensgebung an einen bestimmten Modetrend, der einen unerfindlichen Wechsel des sprachästhetischen Geschmacks und bestimmter „Vorbilder" widerspiegelt. Vielleicht würde der „Antiquarius" Georg Witzel, der es so sehr mit dem Alten hielt, heute eine Lanze brechen auch für die alten deutschen Vornamen, da wir doch „geporene Deudsche seynd" und somit auch unsere einheimischen Namen ein Stuck nationaler Identität sind, das nicht unnötig aufgegeben werden sollte, zumal sich, wie gezeigt, christliche Sinngebung durchaus damit verbinden läßt.

5. Wie mehrfach erwähnt, weil als nützliches Korrektiv empfunden, soll abschließend ein vergleichender Buick auf Georg Witzels großes hagiographisches Werk geworfen werden, das sowohl lateinisch (erstmals 1541, Richter Nr. 53) wie auch in deutscher Sprache (1554 und 1563, Richter Nr. 95) vorliegt 29). Es ist hier natürlich nicht der Ort, den Quellen Witzels und seinen wissenschaftlichen Grundsätzen nachzugehen. Auch kann ebensowenig beleuchtet werden, wie Witzel viele Biographien (der Heiligen) mit seiner allgemeinen theologischen Position und damit auch mit Kritik an bestimmten Zustanden in Kirche und „Welt" verwoben hat. Und schließlich muß eine nähere Untersuchung darüber, wie Witzels grundsätzliche Stellung zu den legendären Schichten in zahlreichen Heiligenviten ist - bezeichnendes Beispiel St. Brandan! - als ein noch ausstehendes wissenschaftliches Unternehmen bezeichnet werden.

In diesem Zusammenhang mit unserem onomastischen Thema ist die einzige Frage an Witzels Hagiographie, ob hier die deutschen, bzw. germanischen Heiligen und damit auch deren Namen im Vergleich zu denen aus dem jüdischen und griechisch-römischen Kulturkreis eine höhere Wertschatzung genießen als im Taufnamenbüchlein, ob insbesondere die großen Bischofs- und Abtsnamen aus dem frühen und hohen Mittelalter, die Fischart in Witzels Taufnamenbüchlein vermißt, hier ihren gemäßen Platz haben. Diese Frage ist generell zu bejahen - dies ist das Ergebnis unserer vergleichenden Studien - allerdings mit bestimmten Einschränkungen. Zunächst fällt auf, daß Witzel auch in seiner deutschen Hagiographie alle deutschen/germanischen Namen in latinisierter Form schreibt, also auf -us bei männlichen und auf -is oder -a bei weiblichen Vornamen, z.B. Leonhardus, Luitgerus, Udalricus, Hildegardis, Wal(t)burga, Liutpurga. Zum anderen bevorzugt Witzel aufgrund seiner Fuldaer Quellen eine bestimmte Tradition, die wir mit „Heilige der angelsächsischen und der iro-schottischen Mission" bezeichnen können, mit Winfried-Bonifatius und seinen Gefährten(innen), Schülern und Nachfolgern als Mittelpunkt. Die Vita des hl. Bonifatius, „der deutschen Apostel", ist die längste in dem Buch überhaupt. Daran

107

schließen sich die Lebensbeschreibungen seiner engsten Mitarbeiter unmittelbar an, unabhängig davon, wann ihr Fest gefeiert wird, obwohl sich Witzel sonst an den römischen Festkalender halt, was die Reihenfolge der Heiligen angeht. Bei diesem Schwerpunkt müssen andere Regionen (z..13. der Norden und Osten Deutschlands, Oesterreich, sowie der skandinavische Raum), andere Traditionen vernachlässigt werden; und damit fehlen dann auch die entsprechenden deutschen, bzw. germanischen Namen wie etwa Ansgar, Norbert, Wiko, Adolf, Knud, Olaf, Erich, Benno, Bernward, Leopold, Wolfgang, Hemma, Hedwig, Mechthild. Andere sind dagegen vertreten, so z.B. Otto (von Bamberg), Bruno, Leonhard, Adelheid (Kaiserin), Othtnar, Pirmin, Ludwig, Bernhard, Ulrich (von Augsburg), Hildegard (von Bingen), Edeltrud, Gothard (= Godehard), Wilhelm, Birgitta, Hubert, Heinrich (Kaiser), Adalbert u. a. m., so daß aufs Ganze gesehen die Heiligengestalten des abendländischen Mittelalters ungleich repräsentativer vertreten sind als im „Taufnamenbüchlein".

Revidiert wird übrigens auch die dort vermißte Würdigung des hl. Franz von Assisi (4. Oktober). Zwar wiederholt Witzel in seiner Hagiographie (S. 609-13) seine Namenserklärung, Franziskus sei eine Verkleinerungsform („als sprechestu Franculus, ein Fränclin oder ein junger, freier Franc"), er weiß also offenbar nicht, daß „Francesco" der Rufname war für den Tuchhändlersohn Bernadone, der mit Taufnamen Johannes (Giovanni) hieß und Francesco genannt wurde wegen seiner Vorliebe für die französiche Sprache und die höfischc Kultur Frankreichs. Im Anschluß an die Lebensbeschreibung der Heiligen spricht Witzel ein hohes Lob far den von Franziskus gegründeten Orden aus, der für die Kirche „viel Frucht" erbracht habe. Ein solches Lob ist bei dem Humanisten und Erasmusnachfolger keineswegs selbstverständlich. Wer die zeitgenössische Kontroversliteratur, und hier gerade die volkssprachlichen Dialoge („Gesprächsbüchlein") und Fastnachtsspiele kennt - ich habe sie in meiner Dissertation ausführlich behandelt und sie den Dialogen Witzels gegenübergestellt 30) - wird wissen, wie dort die Bettelmönche („Barfüßer") die Spottfiguren schlechthin, geradezu die Symbolgestalten der alten verderbten Kirche waren, ihre geistige Beschranktheit war unter den Humanisten ebenso sprichwörtlich wie ihre sexuellen Eskapaden beim gemeinen Volk. Witzel dagegen, auch hierin derjenige, der auf die „refine Quelle" verweist, verweist zugleich auf die franziskanischen Blutzeugen in den Missionsländern, ein ebenso seltener Gesichtspunkt.

Nachbemerkung

Bei der Erarbeitung obigen Themas stellten sich mir mehrfach neue Fragen. Ich schließe mich ausdrücklich der Meinung des Herausgebers dieser Schriftenreihe an, daß die Witzel-Forschung noch lange nicht abgeschlossen sei. Meine nächste Arbeit für die S F G W wird sein: Witzels und Luthers Verständnis vom Dolmetschen (Arbeitstitel).

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Witzel, Berndard Johannes, ed. Schriften zur Förderung der Georg-Witzel-Forschung - 1982. Georg-Witzel-Archiv-Hagen. Lüdenscheid: Peter Jarszombek. 1982. 112 pages.



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