Literaturklassen im Goethe Institut, Boston

Jedes Trimester im Goethe Institut, Boston besteht aus 10 Klassen mit Länge von 1-1/2 Stunden. Diese Literaturklassen sind jetzt beständig nur der Literatur gewidmet; in früheren Jahren wurden sie auch für Sprachelernen benutzt. Das Thema wechselt mit den Lehrern/Lehrerinnen und den Wünschen der Studenten.

Während den letzten paar Jahren hat sich die Klasse mehr zu einer Literaturdiskussionsgruppe entwickelt, mit drei, jetzt vier, Stammmitgliedern die den Kern der Klasse bilden, unter der Leitung der Lehrerin / des Lehrers. Analyse der literarischen Stücke wird deshalb für uns intellektuell interessant und führt zu vielen lebhaften Gesprächen. Manchmal gibt einer von uns auch ein kleines Referat - mein beliebtes Thema dafür ist der Einfluss der Literatur an Musik, mit kurzen musikalischen Auszügen (z. B.: Bachmanns "Undine geht", Wedekind und Bergs "Lulu", Lenz und Zimmermanns "Die Soldaten").


Werke die wir gelesen und dann in der Klasse analysiert und besprochen haben folgen:



Frühling
2003 - 2004


Das Klassenthema ist diesmal "Widerstandliteratur" in der Zeitspanne 1933-1945.

Die Klassenleiterin hat dafür eine Yahoo " Widerstandsliteratur Discussion Group " gegründet, in der wir Gedanken und Materialien austauschen können. Um daran teilzunehmen, muß man zwar ein Yahoo-Mitglied werden, aber das ist kostenlos.
Wit hatten die Klasse mit " Moabiter Sonette " von Albrecht Haushofer angefangen. Sie waren von ihm während seiner Gefangenschaft im Moabit geschrieben, nach seiner Hinrichtung gerettet, and dann veröffentlicht. In dem Sonett " Gefährten " sind acht Namen angegeben (ohne Vornahmen), so hatte ich ein bischen nachgeforscht und gelernt daß alle am Widerstand teilgenommen hatten, und eventuell hingerichtet wurden, dabei auch Max Plancks Sohn Erwin.

Das Thema "Widerstand" brachte mich auch zu einer hervorragenden Webseite: das Deutsche Historische Museum (DHM), welches ein Lebendiges Museum Online (LeMO) mit vielen geschichtlichen Materialien bietet.

Wie bei vieler Literatur, fand ich auch im "Widerstand" Anschluß zur Musik, mit den Komponisten Karl Amadeus Hartmann ("Innere Emigration") und Hanns Eisler.

Ein anderes Lesestück war Die Straße von Jan Petersen. Im Internet fand ich Biographisches über Petersen und auch einen Auszug aus seinem "Unsere Straße", hier zusammengestellt.

Dann gab es Napoleon Bonaparte von Harro Schulze-Boysen, mit der unverkennbaren Parallele zu Hitler.

Nächstens hatten wir vom Kreisauer Kreis gelesen, besonders Briefe von Helmuth James Garf von Moltke, kurz vor seiner Hinrichtung in Plötzensee.

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Winter
2003 - 2004


Wir hatten Auszüge von drei Werken gelesen, Werke von Autorinnen der ehemaligen DDR. Ein Antrieb dafür ist daß das Goethe-Institut diese drei im Oktober dieses Jahres einladen wird, um Vorlesungen zu geben.

Für mich wird ein anderer Blick in die DDR als der meiner Verwandten interessant sein. Andererseits kann ich auch der Klasse behilflich sein, ein bischen aus dem Leben vier Verwandtenfamilien in der DDR zu schildern.


Claudia Rusch: Meine freie deutsche Jugend
Nicht grade Literatur, aber Rusch erzählt, oft mit Humor, manchmal mit Wut, über ihr Aufwachsen als Kind in der DDR. Ihres war eine ungewöhnliche Familie, durch ihre Freundschaft und Beziehungen mit Robert Havemann und Wolf Biermann, und ihrer Friedensgesinnung dem Staat und der Stasi verdächtig.

Rusch ist zwar nicht tiefsinnig wie Christa Wolf, kann einen aber mit ihrem Humor zum echten Lachen bringen, besonders mit den Kapiteln "Die Stasi hinter der Küchenspüle" und "Die Hauptabteilung VIII in Märchenwald". Entgegengekehrt schildert sie auch den Schrecken der Stasispitzel und IM (Inoffizieller Mitarbeiter) in "Verdacht".

Ihe Buch wimmelt nicht nur mit verenglischten Ausdrücken, aber auch mit Abkürzungen und Akronymen aus der DDR-Zeit die vielleicht nicht allen geläufig ist (z.B.: EVP, NVA, IM, FDGB, usw.). Glücklicherweise kann man aber vieles beim Internet nachforschen.

Julia Franck: Lagerfeuer (Roman)
Am Anfang hatten wir drei kürze Auszüge gelesen - Teile von Kapiteln, nicht einmal ganze. Diese hatten eigentlich niemandem gefallen - es wurde einem bewußt daß die Autorin versucht Literatur zu schreiben anstatt eine Geschichte zu schildern.

Später in der Klasse versuchten wir es noch einmal mit zwei kompletten Kapitel. Obwohl manche noch an dem Roman und der Schriftstellerin was auszusetzen hatten, waren doch mehr beeindruckt von ihr und ihrem Werk.

Die Handlung findet in einem Übergangslager statt, wo Flüchtlinge aus dem Osten wohnen und befragt werden vor ihrer eventuellen Aufnahme in den Westen. Die Autorin selber verbrachte ungefähr acht Monate in 1978 in dem Lager Marienfelde als achtjähriges Kind.

Im Roman wird das Leben im Lager durch vier Personen geschildert, die abwechselnd die Ich-Rolle spielen. Die zwei ausgewählte Kapitel waren geprägt von freudloser, beengender Lagerordnung, und Verlust der Freiheit and des Privatlebens, unter anderem. Die Beschreibung dieser Atmosphäre wird von der Schriftstellerin wie ein Maler mit gewandten Pinselstrichen dargestellt.

Materialien zu diesem Buch, im Internet zu finden:
Ein längeres Interview mit Julia Francke, mit Biographishem.

Lager Marienfelde.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr
Für ungefähr dreiundvierzig Jahre, ab 1961, hielt Christa Wolf ein Tagebuch, in dem sie ganz genau und ausführlich, in jedem Jahr, den 27. September beschrieb. Sie ist wohl die bekannteste und beliebteste Autorin der DDR. Das Buch is vielfältig - es gibt einen Blick in das Leben einer Schriftstellerin, der das Denken und Schreiben zum wahren Leben notwendig ist, und schildert auch die Gedanken einer überzeugten, aber auch idealistischen, Sozialistin die überzeugt war daß sie nicht im Westen leben könnte. Deshalb sollte ihre Kritik der DDR, besonders über die Leitung, der Verbesserung ihres Staates dienen.

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Herbst 2003

Klassische deutsche Kurzgeschichten (Reclam)
Eine neue Sammlung von 33 ausgewählten Kurzgeschichten, zusammen mit anderen Materialien.

Außer den in-der-Klasse-gelesenen enthielt dieses Band noch andere interessante Geschichten. Manche Klassenteilnehmer äußerten sich das diese Geschichten meistenteils zu schwermütig waren, daß sie alle mit dem Nachkriegsthema handelten, und daß zu viel in ihnen zu deuten war (d.h., man konnte sie nicht bloß als Erzählungen lesen). Mir gefällt grade diese Literaturanalyse mit ihrem Tiefblick, und die Nachkriegszeit fasziniert mich nach wie vor - natürlich hat das mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Ich merke aber daß das nicht dieselbe Bedeutung für andere hat - was mich noch erschüttert wird von ihnen leicht übergangen. Er ist zu erwarten daß wir in folgenden Klassen den Weg wechseln werden.
Ilse Aichinger: Die geöffnete Order
Eine spannende Geschichte die gut wirkt selbst wenn man sie ohne viel Analyse liest. Aber bei Aichinger ist das nie so leicht. Man liest religiöse Andeutungen, über einen vorausgesagten Weg, über von Mißtrauen erweckte Handlungen die durch Zufall, aber auf natürlichem Weisen geändert werden.
Ilse Aichinger: Seegeister
Drei kurze Geschichten in dieser einen Geschichte - was haben die gemeinsam mit einander? Analyse und Diskussion in der Klasse waren sehr behilflich das alles klarer zu machen. Es schien daß die Hauptpersonen in allen dreien sich von der Umwelt und anderen Menschen isolierten, und daß das ein Übergang zum Sterben war. Der erste wurde nicht mehr von Familie und Freunden vermißt; die zweite fing an ohne Sonnenbrille zu verschwinden, versteckte sich sonst hinter ihr; der Matrose bestand eigentlich nur als Amtsschild an der Mütze.

Es sollte auch mal eine vierte kurze Geschichte gegeben haben - würde man die in dasselbe Thema einreihen können?
Kurt Tucholsky (Peter Panter): Frauen sind eitel, Männer? Nie - ! (1928)
Aus einer anderen Sammlung; ein schönes Partnerstück zu Aichingers Fenster-Theater. In beiden Geschichten sieht einer zum Fenster hinaus zu einem anderen Fenster; beide haben ein unerwartetes Ende - Sachen sind nicht so wie sie erscheinen.
Ilse Aichinger: Fenster-Theater
Aus einer anderen Sammlung.
Elisabeth Langgässer: Saisonbeginn
 
Kurt Marti: Neapel sehen
Der Titel baut auf den Spruch "Neapel sehen, und (dann) sterben", der sagt, daß man nichts schöneres als Neapel je mehr sehen könnte.
Luise Rinser: Die rote Katze
Eine Geschichte von der Nachkriegszeit, wo Not und Hunger herrschten. Ein Kind von dreizehn Jahren (ob Junge oder Mädchen, ist nicht klar) muß schon als Erwachsener handeln, sich nach Gemüse anstellen, Kohlen und Kartoffeln aufsammeln, gelegentlich stehlen. Diese Umstände verrohen das eigentliche Kind; die rote Katze wird wie ein Blitzableiter für seine Wut und Reue.

Die Geschichte beindruckte mich, under anderem, wegen ihrer Beschreibung vom Leben in the Nackkriegszeit 1946-47. Not, Hunger, Kohle und Kartoffeln finden - alles klingt echt so wie ich es auch erlebte.
Heinrich Böll: Auf der Brücke; Der Wegwerfer; Es wird etwas geschehen
Drei Kurzgeschichten, die letzte von einer anderen Sammlung.
Peter Bichsel: Ein Tisch ist ein Tisch (aus "Kindergeschichten")
Eine märchenhafte Geschichte mit viel Sinn, über Wörter und ihren Gebrauch. Anstatt seine all-zu-alltägliches Leben zu ändern, ändert ein alter Mann erst die Worte die seine Gegenstände bezeichnen, dann immer mehr: z. B., sein "Bett" wird "Bild". Natürlich verstanden andere Leute ihn nicht mehr, und er sie nicht.
Peter Bichsel: San Salvador
Eine sehr kurze Kurzgeschichte. Ein Mann steckt in Alltagsleben, unterhält sich mit einem neuen Füllfederhalter, schreibt zwei kurze Sätze, darüber das er kalt ist und nach Südamerika willt. Er handelt nicht, läßt das Leben über sich ergehen. Hat der Titel mit Südamerika und mit Rettung (salve) zu tun?
Andere Geschichten in dieser Sammlung, die wir nicht für die Klasse gelesen hatten:
Martin Walser: Templones Ende - Der Schriftsteller erhielt einen Preis der Gruppe 47 für diese Geschichte.

Marie Luise Kaschnitz: Ja, mein Engel - Eine gütige alte Frau nimmt eine neue Mieterin, die immer mehr und mehr von ihr verlangt. Mit der Zeit beuten sie und ihr Mann die alte Frau aus, während sie immer nur das Beste von ihnen denkt und ihr schlechtes Benehmen entschuldigt. Wird ein Gläubiger so auch von Religion ausgebeutet?

Franz Fühmann: Das Judenauto -

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Updated 5/9/04

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