ÿþ<head> <title>Daodejing</title> </head> <body> <font face="Tahoma"> <center><big><big><b>Daodejing</b></big></big></center> <br> <center>Übertragung aus dem Chinesischen ins Deutsche von Walter Jerven</center><br> <hr><br> I<br> <br> DAS Wesen / das begriffen werden kann /<br> <br> Ist nicht das Wesen des Unbegreiflichen.<br> <br> Der Name / der gesagt werden kann /<br> <br> Ist nicht der Name des Namenlosen.<br> <br> Unnambar ist das All-Eine / ist Innen.<br> <br> Nambar ist das All-Viele / ist Außen.<br> <br> Begehrdenlos ruhen / heißt Innen erdringen.<br> <br> Begehrdenvoll handeln / heißt beim Außen verharren.<br> <br> All-Eines und All-Vieles sind gleichen Ursprungs /<br> <br> Ungleich in der Erscheinung.<br> <br> Ihr Gleiches ist das Wunder /<br> <br> Das Wunder der Wunder /<br> <br> Alles Wunder-Vollen Tor.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> II<br> <br> Wer da sagt: Schön / schafft zugleich: Unschön.<br> <br> Wer da sagt: Gut / schafft zugleich: Ungut.<br> <br> Bestehen bedingt Nichtbestehen.<br> <br> Verworren bedingt Einfach.<br> <br> Hoch bedingt Nieder.<br> <br> Laut bedingt Leise.<br> <br> Bedingt bedingt Unbedingt.<br> <br> Jetzt bedingt Einst.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er wirkt / ohne zu werken.<br> <br> Er sagt / ohne zu reden.<br> <br> Er trägt alle Dinge in sich zur Einheit beschlossen.<br> <br> Er erzeugt / doch besitzt nicht.<br> <br> Er vollendet Leben / beansprucht nicht Erfolg.<br> <br> Weil er nicht beansprucht /erleidet er nie Verlust.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> III<br> <br> AUSGEZEICHNETE nicht bevorzugen /<br> <br> So sind nicht Gezeichnete.<br> <br> Besitz nicht schätzen / so sind nicht Besitzgierige.<br> <br> Nicht werten das Außen / so ist nicht Unwert im Innen.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er macht Volkes Herz begehrdenlos /<br> <br> Und es wird Überfluss haben.<br> <br> Schwindet Begehren / erscheint Kräftigkeit.<br> <br> Nicht übt er Gescheitsein /<br> <br> Und sind Gescheite / so beirrt er sie im Handeln.<br> <br> Ist Nichthandeln /<br> <br> Geschieht die Große Ordnung.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> IV<br> <br> DAS Wesen ist gleich wie die Leere eines Gefäßes.<br> <br> Wer Wesen auswirkt / ist wie die Leere /<br> <br> Und sammelt nicht an.<br> <br> Leer ist es dennoch der unermessliche Schoß aller Dinge.<br> <br> Standpunkte entgipfelnd /<br> <br> Aus löst es Daseins Verworrenheit.<br> <br> Überschattend Blendung /<br> <br> Auf hellt es Einklang des Seins.<br> <br> Stet ist seine Beschlossenheit.<br> <br> Unkund seiner Herkunft erkennen wir:<br> <br> Es war vor dem Angang alles Geschehens.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> V<br> <br> DAS Unermessliche kennt nicht Einzel-Liebe /<br> <br> Es durchdringt Alles und bringt sich dar.<br> <br> Der Erwachte kennt nicht Einzel-Liebe /<br> <br> Er durchdringt Alles und bringt sich dar.<br> <br> Gleicht nicht das Unermessliche einem Blasebalg?<br> <br> Seine Leere ermöglicht seine Fülle.<br> <br> Schnell erschöpft sind die Wogen der Liebe und des Hasses.<br> <br> Nie erschöpft sich die innere Meeresruhe.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> VI<br> <br> DIE tiefe Ruhe dauert.<br> <br> Sie ist die Mutter alles Totlosen.<br> <br> Auf ihrer Bewegung beruht die Werdung<br> <br> Himmels und der Erden.<br> <br> Die tiefe Ruhe ist Bewegung in sich selbst.<br> <br> Ihre Bewegung beruht in sich selbst.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> VII<br> <br> HIMMEL und Erde währen.<br> <br> Weil sie nicht Eigen leben / darum währen sie.<br> <br> Weil sie Un-Eigen leben / darum währt ihr Eigenstes.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er tritt zurück und ist doch der Führende.<br> <br> Sich verschwendend gewinnt er sich.<br> <br> Nichts zu seinem Eigen erraffend /<br> <br> Vollendet sich sein Eigenstes.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> VIII<br> <br> HÖCHSTE Vollkommenheit ist gleich wie Wasser.<br> <br> Tränkend alle Dinge durchdrängt es sie.<br> <br> Nie meidet es Niederstes.<br> <br> Darin gleicht es dem Wesen.<br> <br> Das Vollkommene des Wohnens zeigt sich in der<br> <br> Gemäßheit der Stätte. Das Vollkommene der Gesinnung erweist sich schweigend.<br> <br> Das Vollkommene der Gesellschaft offenbart sich als<br> <br> Durchdrängung.<br> <br> Das Vollkommene der Führung enthüllt sich als<br> <br> Ausfluß der Großen Ordnung.<br> <br> Auf blüht Vollkommenheit des Wirkens als<br> <br> Äußerung innerster Eignung.<br> <br> Aus drückt sich Vollkommenheit des Tuns als<br> <br> Eingreifen zur richtigen Stunde. Das Vollkommene dringt ein.<br> <br> Der Äußerliche kann ihm nichts anhaben.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> IX<br> <br> BESSER / ein Gefäß ungefüllt lassen /<br> <br> Als füllen und mit beiden Händen tragen.<br> <br> Besser / ein Schwert nicht schleifen /<br> <br> Als schleifen und sich der Schärfe rühmen.<br> <br> Besser / das Haus ohne Schätze /<br> <br> Als Schätze und auf der Hut sein müssen.<br> <br> Fülle und Vorzüge verleiten zu Äußerlichkeit.<br> <br> Äußerlichkeit leitet ab vom Wesen.<br> <br> Ist das Werk geäußert / sich ihm entäußern /<br> <br> Also der Erwachte.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> X<br> <br> WER im Vielen nicht wahrt Beschlossenheit /<br> <br> Werkt Geteiltheit.<br> <br> Wer dem Einen sich auftut /<br> <br> Wirkt Geeintheit /<br> <br> Und wird lauter / den Himmel im Herzen.<br> <br> Wer Beschlossenheit wahrt / leitet gut.<br> <br> Wer dem Einen sich auftut / erreicht Fruchtbarkeit.<br> <br> Wer den Himmel im Herzen hat /<br> <br> Braucht nicht Wissen noch Erfahrung /<br> <br> Denn er erfährt das Wissende.<br> <br> Das Ungekannte zeugt und ernährt.<br> <br> Zeugt alle Dinge und enteignet sich ihrer.<br> <br> Es wirkt ohne Werkung.<br> <br> Es zwingt / ohne Zwang anzutun.<br> <br> Das ist das Wunder-Volle des Ungekannten.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XI<br> <br> DREISSIG Speichen treffen die Nabe /<br> <br> Die Leere dazwischen macht das Rad.<br> <br> Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen /<br> <br> Die Leere darinnen macht das Gefäß.<br> <br> Fenster und Türen bricht man in Mauern /<br> <br> Die Leere damitten macht die Behausung.<br> <br> Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes.<br> <br> Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XII<br> <br> ÜBERTRIEBENE Farben fährden das Sehen.<br> <br> Überstiegene Töne töten das Hören.<br> <br> Überspitzte Kost kostet den Geschmack.<br> <br> Überreizte Erregung erregt Unnatürlichkeit.<br> <br> Überhäufter Besitz besitzt den Besitzenden.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Ihn verleitet nicht Zeitliches.<br> <br> Ihn leitet das Zeitlose.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XIII<br> <br> EHRE und Ruhm bedeuten beide Gefährdung.<br> <br> Was meint das:<br> <br> Ehre und Ruhm bedeuten beide Gefährdung?<br> <br> Ruhm bedeutet die Möglichkeit / Ruhm zu verlieren.<br> <br> Ehre bedeutet die Möglichkeit / entehrt zu werden.<br> <br> Habe ich nicht vorher Ehre erlangt /<br> <br> Kann mich nicht nachher Entehrung treffen.<br> <br> Habe ich nicht vorher Ruhm erlangt /<br> <br> Ereilt mich nicht nachher Vergessen.<br> <br> Ehre und Ruhm zielen auf Selbstheit.<br> <br> Selbstheit ist aller Gefährdungen Born /<br> <br> Führt zu Spaltung und Beunruhung /<br> <br> Fernt von Einung und Beruhung.<br> <br> Wer Selbstheit folgt / verliert sich im Begrenzten.<br> <br> Wer Allheit folgt / findet sich im Unbegrenzten.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XIV<br> <br> WIR schauen es / doch sehen es nicht.<br> <br> Es ist unsichtbar.<br> <br> Wir hören es / doch horchen es nicht.<br> <br> Es ist unerhorchbar.<br> <br> Wir fassen es / doch erfassen es nicht.<br> <br> Es ist unerfassbar.<br> <br> Dies Dreifache ist das untrennbar Einfache.<br> <br> Es ist das Undurchdringliche und doch das Lichte.<br> <br> Es flutet und ebbt /<br> <br> Aus All ins Nichts.<br> <br> Gestaltung des Gestaltlosen.<br> <br> Erscheinung des Erscheinungslosen.<br> <br> Es ist das Fließende / Unnambare.<br> <br> Man geht ihm entgegen und sieht nicht Anfang.<br> <br> Man folgt ihm nach und sieht nicht Ende.<br> <br> Es ist der Kreislauf der Wiederkehr des Ewigen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XV<br> <br> DIE Einstigen durchdrängte das Ungekannte /<br> <br> Darum blieben sie ungekannt.<br> <br> Die Wortereichen kamen ihnen nicht bei /<br> <br> Denn das Ungekannte fassen nicht Worte.<br> <br> höchstens läßt sich ihre Art kennzeichnen.<br> <br> Achtsam waren sie / wie solche / die einen Fluß durchwaten.<br> <br> Wach / wie solche / die gefährdet sind.<br> <br> Unvertraut / wie solche / die fremd sind.<br> <br> Unstarr / wie vergehender Schnee.<br> <br> Unfertig / wie das Vollendete.<br> <br> Unangefüllt / wie ein Getäle.<br> <br> Undurchdringbar / wie trübe Flut.<br> <br> Wie ist möglich / dass Getrübtheit sich kläre?<br> <br> Nicht beunruhen / dann wird Klärung nach und nach.<br> <br> Wie ist möglich / dass Beruhung sich feste?<br> <br> Nicht handeln wollen / dann wird Ruhe nach und nach.<br> <br> Die Einstigen ruhten in der Leere.<br> <br> Darum entleerte sie die Ruhe.<br> <br> Wer da leer ist wird alt und hat nie nötig Erneuerung.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XVI<br> <br> AUFGETANSEIN in die All-Leere /<br> <br> Ist Beschlossensein von der Nichts-Fülle.<br> <br> Was da geblüht hat / vergeht.<br> <br> Was da vergangen ist / wird wieder blühen.<br> <br> Was da endet ins Nichts /<br> <br> Ist unendend wie All.<br> <br> Dieser Vorgang entspricht der Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Die Gesetzmäßigkeit ist der Maßstab für alle Vorgänge.<br> <br> Der Vorgang der Gesetzmäßigkeit wirkt Leben.<br> <br> Der gesetzliche Vorgang werkt Dasein.<br> <br> Dasein ist Ablauf eines gesetzlichen Vorgangs.<br> <br> Leben ist Kreisung des Vorgangs der Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Wer in die Kreisung fand ist erwacht /<br> <br> Aus dem gesetzlichen Vorgang: Dasein<br> <br> In den Vorgang der Gesetzmäßigkeit: Leben.<br> <br> Der Erwachte hat das Erhabene des Zeitlosen /<br> <br> Das Zeitlose des Erhabenen.<br> <br> Er mittelt das Unmittelbare unmittelbar.<br> <br> Nicht ausgesetzt Undauerndem / dauert er unausgesetzt.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XVII<br> <br> DIE frühesten Herrscher waren kaum gekannt.<br> <br> Die späteren wurden verehrt.<br> <br> Die noch späteren gefürchtet.<br> <br> Die letzten verachtet.<br> <br> Wird Gesetzmäßigkeit verlassenl<br> <br> Werden Gesetze verhängt.<br> <br> Gesetze schaffen gesetzliche Vorgänge.<br> <br> Gesetzliche Vorgänge führen zu Zerfall.<br> <br> Die frühesten Herrscher wahrten Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Und das Volk fühlte sich frei.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XVIII<br> <br> DAS große Eins-sein erstarb /<br> <br> Da entstand Güte und Rechtschaffenheit.<br> <br> Klugheit stand auf /<br> <br> Da erschien List und Gleisnerei.<br> <br> Das Blutband zerriss /<br> <br> Da ward Kindespflicht und Verwandtschaft.<br> <br> Völker entglitten der Gesetzmäßigkeit /<br> <br> Da kam Gesetzestreue und Beflissenheit.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XIX<br> <br> VERZICHT auf Heiligkeit / Meidung des Wissens /<br> <br> Und hundertfach wüchse das All-Gemeinsame.<br> <br> Verzicht auf Wohlwollen / Meidung der Pflichten /<br> <br> Und allen gemeinsam wäre das Ursprüngliche.<br> <br> Verzicht auf Listigkeit / Meidung des Aufwands /<br> <br> Und Diebstahl und Mord erstürbe in der Gemeine.<br> <br> Mit diesen Stücken vertrieb man Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Auf kam Sonderung des Innen / Gemeinsamkeit des Außen.<br> <br> Der Einzelne verallgemeinerte in der Gemeinsamkeit /<br> <br> Nicht aber sonderte das All-Gemeinsame den Einzelnen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XX<br> <br> HÄUFUNG des Wissens vergrößert Beunruhung.<br> <br> Zwischen Sicher und Vielleicht /<br> <br> Ist da ein Unterschied?<br> <br> Ist da ein Unterschied zwischen Gut und Schlecht?<br> <br> Behauptungen zugeben oder bestreiten /<br> <br> Ermöglicht neue Möglichkeit der Behauptungen.<br> <br> Die Leute sind glücklich / wie an voller Tafel /<br> <br> Wie im Frühling auf hohe Türme gestiegen.<br> <br> Ich scheine gelassen / wunschlos.<br> <br> Sie haben in Hülle / mich hüllt Nichthaben.<br> <br> Sie fühlen Sicherheit / mich füllt Chaos.<br> <br> Sie scheinen erhellt / ich scheine benachtet.<br> <br> Sie sind voll Sonderheiten / ich scheine unsonders.<br> <br> Sie stehen / ich schwanke.<br> <br> Sie kommen vorwärts / Hörige des Ablaufs.<br> <br> Ich bleibe zurück / ein Nichtdazugehöriger.<br> <br> Ihre Sonderheiten haben sie gemeinsam.<br> <br> Ihre Gemeinsamkeit macht sie ununterschieden.<br> <br> Ich unterscheide mich /<br> <br> Denn mich nährt das All-Gemeinsame.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXI<br> <br> ÄUSSERUNG höchsten Lebens /<br> <br> Ist Übereinstimmung mit der Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Übereinstimmung mit der Gesetzmäßigkeit /<br> <br> Bedeutet Auswirkung des Wesens.<br> <br> Wesen / unsichtbar / ungreifbar /<br> <br> Beschließt alle Dinge.<br> <br> Wesen / undeutbar / unbestimmbar /<br> <br> Wirkt Werdung aller Dinge.<br> <br> Wesen / untrennbar / unverbindbar /<br> <br> Schafft Formung aller Dinge.<br> <br> Seine Leere ermöglicht Innen Halt.<br> <br> Innen Halt erzeugt Inhalt.<br> <br> Inhalt erruht Leben.<br> <br> Leben erkreist Unvergehen.<br> <br> Wie geschieht mir dies Wissen?<br> <br> Indem ich lebe.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXII<br> <br> DAS Teil wird zum Ganzen.<br> <br> Schwaches erfährt Stärkung.<br> <br> Leere erhält Inhalt.<br> <br> Vergehendes wird neu.<br> <br> Den Wunschbefreiten erfüllt Leben.<br> <br> Den Wunsehbeschwerten verläßt Leben.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Das Eine erdringend / durchdrängt ihn das Eine.<br> <br> Ohne Selbstbewußtsein / wird es ihm selbst bewußt.<br> <br> Ohne Selbstbetonung / betont es ihn selbst.<br> <br> Ohne Selbstbetrieb / treibt es ihn selbst.<br> <br> Ohne Selbsterhöhung / höht es ihn selbst.<br> <br> Er ist erhaben /<br> <br> Niemand kann etwas mit ihm haben.<br> <br> Der Einstigen Spruch:<br> <br> Das Teil wird zum Ganzen /<br> <br> Der Erwachte bestätigt ihn.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXIII<br> <br> SICH nicht in Worten verlieren /<br> <br> So wird Durchdrängung nicht verdrängt.<br> <br> Ein Wirbelwind währt keinen Morgen /<br> <br> Ein Platzregen keinen Tag.<br> <br> Beide sind Himmels und der Erden.<br> <br> Können Erde und Himmel Unstetes nicht halten /<br> <br> So viel weniger der Mensch.<br> <br> Darum:<br> <br> Wer Stetes hält / dem eint sich die Ordnung des Steten /<br> <br> Und Stetes wird in ihm Ordnung.<br> <br> Wer Wesen hält / dem eint sich die Macht des Wesens /<br> <br> Und Wesen wird in ihm Macht.<br> <br> Wer Unstetes hält / den behält Unstetes /<br> <br> Und Unstetes wird über ihn Macht.<br> <br> Den Un-Erwachten /<br> <br> Blind für die himmelvolle Leere des Seins /<br> <br> Beherrscht Daseins himmellose Fülle.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXIV<br> <br> AUF Zehen erheben / kein Stehn.<br> <br> Auf Stelzen schreiten / kein Gehn.<br> <br> Wer da scheinen will / erleuchtet nicht.<br> <br> Wer was sein will / unterscheidet sich nicht.<br> <br> Wer sich rühmt / verdunkelt sich.<br> <br> Wer sich liebt / entgleitet sich.<br> <br> Ihn meidet Durchdrängung.<br> <br> Er ist gleich wie ein faulender Speiserest /<br> <br> Wie ein unnützer Auswuchs.<br> <br> Nicht so der Durchdrängte.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXV<br> <br> EIN Sein ist / unendsam /<br> <br> Das war vor Beginnens Anbeginn.<br> <br> Alles durchdrängend / dennoch unerdringbar.<br> <br> Tränkende Mutter der Schöpfung.<br> <br> Es ist das Unnambare /<br> <br> Gekennzeichnet als Wesen.<br> <br> Benamt / ausspreche ich: Das Höchste.<br> <br> Höchst / ist es unfassbar.<br> <br> Unfassbar / ist es beschlossen.<br> <br> Beschlossen / ist es das Kreisende.<br> <br> Das Höchste ist Großes /<br> <br> Der Himmel ist Großes /<br> <br> Die Erde ist Großes/<br> <br> Der Mensch ist Großes.<br> <br> Von allem Großen ist der Mensch eines.<br> <br> Des Menschen Norm ist die Erde.<br> <br> Der Erde Norm ist der Himmel.<br> <br> Des Himmels Norm ist das Wesen.<br> <br> Das Wesen ist Norm an sich.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXVI WAHRHAFT Schweres zeugt wahrhaft Leichtes.<br> <br> Die tiefe Ruhe beruhigt Unruhe.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er wandert leicht / ohne Trennung vom Schweren.<br> <br> Glänzendes lässt ihn gelassen.<br> <br> Wo aber Glänzendes bewegt / entsteht Leichtheit.<br> <br> Benimmt Leichtheit / schwindet Innen Halt.<br> <br> Ersteht Wogung / vergeht Ordnung.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXVII<br> <br> GUTER Gänger braucht nicht Gängelung /<br> <br> Guter Sprecher braucht nicht Versprechung /<br> <br> Guter Rechner braucht nicht Berechnung /<br> <br> Guter Schließer nicht Schloß noch Riegel /<br> <br> Und doch kann niemand öffnen /<br> <br> Guter Binder nicht Band noch Strick /<br> <br> Und doch kann niemand lösen.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er beschließt alles in sich /<br> <br> Niemand kann Einzelnes aus ihm lösen.<br> <br> Er ist aller Dinge Lösung /<br> <br> Denn er beschließt alles in sich.<br> <br> Durchdrängend wird er umfassend.<br> <br> Die Gehöhten finden zu ihm hinab /<br> <br> Die Geniederten finden zu ihm hinauf.<br> <br> So wirkt Wesen zwiefach aus ihm.<br> <br> Weckend die Alle umfassende Beschlossenheit /<br> <br> Zeugt es die Beschlossenheit der Einzelnen.<br> <br> Das ist das Wunder-Volle des Wesens.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXVIII<br> <br> SICH zeugend wissen /<br> <br> Dennoch empfänglich bleiben /<br> <br> Heißt der Welt Urtrieb leben.<br> <br> Treibend ins Uferlose /<br> <br> Uferloses jüngt ihn zur Triebreinheit.<br> <br> Sich hell wissen /<br> <br> Dennoch umschattet bleiben /<br> <br> Heißt der Welt Urbild leben.<br> <br> Anfangend im Unbedingten /<br> <br> Unbedingtes jüngt ihn zum Uranfänglichen.<br> <br> Sich wert wissen /<br> <br> Dennoch wertlos scheinen /<br> <br> Heißt der Welt Urgrund leben.<br> <br> Aufnehmend Gesetzmäßigkeit /<br> <br> Gesetzmäßigkeit jüngt ihn zum einfältig Aufnehmenden.<br> <br> Einfältig aufnehmen können /<br> <br> Heißt Gefäß des Wesens werden.<br> <br> Gefäß des Wesens sein /<br> <br> Heißt höchster Herrscher sein.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXIX<br> <br> DIE Welt bewältigen durch Gewalt /<br> <br> Die Vorgänge ergeben / daß dies unmöglich ist.<br> <br> Die Welt untersteht dem Walten des Übergewaltigen /<br> <br> Man kann sie nicht vergewalten.<br> <br> Sie nehmen wollen heißt sie verlieren.<br> <br> Sie behandeln wollen heißt sie verwirren.<br> <br> Denn im Ablauf der Vorgänge bedingt<br> <br> Vorangehen / Zurückbleiben<br> <br> Entflammen / Erkalten<br> <br> Zunehmen / Abnehmen<br> <br> Gewinnen / Verlieren.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Ihn lenkt nicht Ungestüm /<br> <br> Nicht Unruhe /<br> <br> Nicht Unwesen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXX<br> <br> WALTEN im Einklang mit der Gesetzmäßigkeit /<br> <br> Ist Walten ohne Gewalt.<br> <br> Unter Waffen gehen heißt Untergang.<br> <br> Hinter strengen Herren tobt strengere Herrschung /<br> <br> Hinter großen Heeren folgt größere Verheerung.<br> <br> Wahrhafter Kämpfer begnügt sich mit der Entscheidung.<br> <br> Aus scheidet er Erraffung.<br> <br> Er brüstet sich nicht seiner Tat /<br> <br> Und vermeidet ihre Berühmung.<br> <br> Sein Kampf entspricht der Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Nicht treibt ihn Äußeres zum Äußersten.<br> <br> Ist Äußerstes erlangt / so ging Einklang verloren.<br> <br> Was nicht im Einklang ist / hat schnell ausgeklungen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXI<br> <br> WAFFEN sind Werkzeuge der Trauer /<br> <br> Verächtlich dem Leben Achtenden.<br> <br> Nicht drängt der Durchdrängte zu ihnen.<br> <br> Waffen sind Werkzeuge der Trauer.<br> <br> Nur gezwungen braucht sie der Erhabene.<br> <br> Sein Kampf entspricht der Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Beruhung ist des Erhabenen Weise /<br> <br> Nichts weiß er von den Weisen der Waffenfreudigen.<br> <br> Waffenfreude ist Mordfreude.<br> <br> Wen Mordfreude erfüllt / hat Leben verlassen.<br> <br> Freudenfeier hat Ehrenplatz Links.<br> <br> Trauerfeier hat Ehrenplatz Rechts.<br> <br> Ist Sieg / so steht die Truppe links / der Führer rechts.<br> <br> Sein Platz entspricht der Trauerfeier.<br> <br> Tötung heißt Trauer schaffen.<br> <br> Wessen Handwerk Tote schafft /<br> <br> Der sei wie bei Trauerfeier.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXII<br> <br> WESEN / beschlossen / ist namenlos.<br> <br> Namenloses Nichts /<br> <br> Dennoch durch Nichts auf der Welt zu bewältigen.<br> <br> Verstünde ein König es zu wahren /<br> <br> Das Volk verstummte / wie in Ehrfurcht vor Erhabenem.<br> <br> Frei von Führern / die Rechte schaffen /<br> <br> Schüfe es Rechtschaffenheit aus sich.<br> <br> Wesen / durchdrängend / wird nambar.<br> <br> Nambare Vielheit / dennoch den Vielen Waltung weisend.<br> <br> Verstünden sie Waltung zu erkennen /<br> <br> Ihr Erdensein wäre frei von Wirrnis.<br> <br> Des Wesens Beziehung zum Erdensein ist vergleichbar<br> <br> Den Bächen und Flüssen /<br> <br> Drängend ins Beschlossene des Meeres.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXIII ANDERE kennen verlangt Wahrnehmung /<br> <br> Sich kennen verlangt Einsicht.<br> <br> Andere bezwingen verlangt Stärke /<br> <br> Sich bezwingen verlangt Durchdrängung.<br> <br> Wer einsichtig ist / ist unerschöpfbar.<br> <br> Wer durchdrungen ist / ist unbezwingbar.<br> <br> Nicht aufgeben Beruhung heißt währen.<br> <br> Nicht sterben mit dem Tode heißt ewig sein.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXIV<br> <br> NICHTS ist / das Wesen nicht durchdrängt /<br> <br> Alle Dinge wartend / allgegenwärtig.<br> <br> Alles Lebens Entfaltung nährt Wesen /<br> <br> Keine Entfaltung ohne Wesens Durchdrängung.<br> <br> Ist Entfaltung erreicht / nicht drängt es sich auf.<br> <br> Beherrschend alles / nicht spielt es den Herrscher.<br> <br> Es gleicht dem Nichtigsten / ist Nichts /<br> <br> Es ist unansehnlich.<br> <br> Nichts ist / das nicht rückkehrt in sein Nichts /<br> <br> Es ist unübersehbar.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er entfaltet sich ohne Aufdrängung.<br> <br> Er erhebt sich nicht /<br> <br> Durchdrängung macht ihn erhaben.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXV DER Durchdrängte ist fähig /<br> <br> Die große Ordnung wieder herzustellen.<br> <br> Er wird Sammelpunkt und verweigert sich Keinem.<br> <br> Er wirkt Beruhung und Schwere / die leicht macht.<br> <br> Klang und Sang läßt den Vorübergehenden lauschen /<br> <br> Das Namenlose aber erscheint unansehnlich / nichts nütz.<br> <br> Nach ihm sehen / heißt nichts erblicken.<br> <br> Nach ihm hören / heißt nichts erhorchen.<br> <br> Doch ständig benützt /<br> <br> Wächst seine Nützlichkeit ins Beständige.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXVI<br> <br> WILL man nehmen /<br> <br> Muss man vorher gegeben haben.<br> <br> Will man schwächen /<br> <br> Muss man vorher gekräftigt haben.<br> <br> Will man beschränken /<br> <br> Muss man Ausdehnung abwarten.<br> <br> Will man messen /<br> <br> Muss man Maßstab wissen.<br> <br> Dies erkennen /<br> <br> Heißt die geheimen Zusammenhänge erkennen.<br> <br> Wahre Härte ist nur ein Grad von Zartheit.<br> <br> Wahre Zartheit ist nur ein Grad von Härte.<br> <br> Wie der Fisch nicht leben kann ohne Wasser /<br> <br> so ist nicht Leben /<br> <br> Wo nicht Gesetzmäßigkeit herrscht.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXVII<br> <br> WESEN kennt nicht Tun um Äußerliches /<br> <br> Wesen äußert Nicht-Tun /<br> <br> Doch ist nichts Wesentliches ohne sein Tun.<br> <br> Könige und Führer / äußerten sie Nicht-Tun /<br> <br> Alle Geschöpfe würde verwandeln Ursprünglichkeit.<br> <br> Wären Begehrden /<br> <br> Ursprünglichkeit lenkte sie zur Einfalt.<br> <br> Einfalt kennt nicht Tun um Äußerliches /<br> <br> Einfalt äußert Nicht-Tun.<br> <br> Nicht-Tun erregt Beruhung /<br> <br> Beruhung erwirkt Gesetzmäßigkeit.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXVIII<br> <br> GESETZMÄSSIGKEIT tut nicht gesetzmäßig /<br> <br> Daher Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Gesetze tun gesetzmäßig /<br> <br> Daher nicht Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Gesetzmäßigkeit waltet und ist ohne Tun.<br> <br> Gesetze verwalten und sind voll Tun.<br> <br> Der Gesetzmäßige wirkt / ohne Tun.<br> <br> Der Gesetzliche bewirkt / und tut.<br> <br> Gesetzlichkeit verwaltet / Waltendes wird vergewaltet.<br> <br> Darum:<br> <br> Fehlt Gesetzmäßigkeit / erscheint Liebe.<br> <br> Fehlt Liebe / erscheint Wohlwollen.<br> <br> Fehlt Wohlwollen / erscheint Schicklichkeit.<br> <br> Fehlt Schicklichkeit / erscheint Gesetzlichkeit.<br> <br> Gesetzlichkeit ist verdorrte Form von Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Gesetzlichkeit ist nur äußerlich Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Ihn lenkt Durchdrängtes / nicht Verdorrtes /<br> <br> Lenkt Innen / nicht Außen.<br> <br> Bewirkt Außen Blindnis /<br> <br> Wirkt Innen Sicht.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXIX<br> <br> GESETZMÄSSIGKEIT ist Walten des All-Einen.<br> <br> So erstand die Große Ordnung.<br> <br> So erstand der Erde Beschlossenheit.<br> <br> So erstand Entfaltungsmöglichkeit.<br> <br> So erstand Fruchtbarkeit.<br> <br> Alle Geschöpfe lenkt das All-Eine ins Leben.<br> <br> Allen Lenkern gibt das All-Eine Richtmaß.<br> <br> So gesetzmäßig waltet das All-Eine.<br> <br> Ohne die Große Ordnung wäre nicht All.<br> <br> Ohne Beschlossenheit wäre nicht Erde.<br> <br> Ohne Entfaltungsmöglichkeit wäre nicht Leben.<br> <br> Ohne Fruchtbarkeit wäre nicht Dauer.<br> <br> Ohne Leben ist nicht Durchdrängung.<br> <br> Ohne Richtmaß ist nicht Lenkung.<br> <br> Herrschen geschieht durch Dienen.<br> <br> Das Hohe fußt im Niederen.<br> <br> Darum wahrt der Lenker Niedrigkeit /<br> <br> Beschlossenheit / Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Kennen der Teile verschafft noch nicht Erkennen des Ganzen.<br> <br> Wer das All-Eine währt / entgleitet nicht.<br> <br> Weder wird man ihn preisen wie Überspitztes /<br> <br> Noch wird man ihn wegwerfen wie Stumpfes.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXX<br> <br> WESEN / indem es eingeht / entfaltet es sich<br> <br> Indem es ruht / wirkt es Wesen.<br> <br> Allheit entspringt dem Sein /<br> <br> Sein entruht dem Nichtsein.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXI<br> <br> DER Durchdrängte ist wesentlich /<br> <br> Der halb Durchdrängte ist es bald / bald nicht.<br> <br> Der Verdorrte lacht über Wesentliches.<br> <br> Lachte er nicht / es wäre nicht das Wesentliche.<br> <br> Und also wurde gesagt:<br> <br> Wer erleuchtet ist /ist undurchdringlich.<br> <br> Wer sich entfaltet / geht ein.<br> <br> Wer aufgetan ist / ist beschlossen.<br> <br> Wer erhaben ist / fußt tief.<br> <br> Wer durchdrungen ist / ist leer.<br> <br> Wer beruht / beunruhigt /<br> <br> Und Wenige ersehnen sein Los.<br> <br> Das unändernd Währende ändert fortwährend.<br> <br> Endloses Viereck zeigt nicht Ecken.<br> <br> Endloses Gefäß zeigt nicht Grund.<br> <br> Endloser Klang zeigt nicht Töne.<br> <br> Endloses Bild zeigt nicht Form.<br> <br> Wesen ist verborgen.<br> <br> Es ist alles Sichtbaren Anfang /<br> <br> Alles Sichtbaren Ende.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXII<br> <br> RUHE schuf Bewegung /<br> <br> Bewegung schuf Befruchtung /<br> <br> Befruchtung schuf Frucht /<br> <br> Frucht schuf Vielheit.<br> <br> Vielheit offenbart das große Dunkel /<br> <br> Das Vielheit offenbarte.<br> <br> Vielheit erstrebt die große Helle /<br> <br> Der Vielheit entstrebt.<br> <br> Der Atem der Ruhe eint Vielheit.<br> <br> Die Vielen lieben nicht Beruhung /<br> <br> Verachten Nichtbeachtung /<br> <br> Nicht ertragend / dass Bodenloses sie trägt.<br> <br> So geschieht es / dass Manches wächst / indem es minder wird /<br> <br> Dass Manches minder wird / indem es wächst.<br> <br> Fülle verdrängt Leben /<br> <br> Entleert von Leere ist unlebend leben.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXIII<br> <br> DAS Nachgiebige überwindet das Starre.<br> <br> Das Nichtsichtbare durchdringt das Sichtbare.<br> <br> So wird das Tätige des Nicht-Tuns ersichtlich.<br> <br> Aussagen ohne Worte / Auswirken ohne Tun /<br> <br> Wenigen gelingt es.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXIV<br> <br> RUHM oder Wesen /<br> <br> Was steht näher?<br> <br> Wesen oder Reichtum /<br> <br> Was gilt mehr?<br> <br> Halte Wesen und verliere Jenes.<br> <br> Halte Jenes und verliere Wesen /<br> <br> So naht Verdorrung / naht Leblosigkeit.<br> <br> Haben verhindert Erhaben.<br> <br> Reichtum verhindert Erreichen.<br> <br> Wer Fülle meidet / erreicht Erfüllung.<br> <br> Wer inne hält / erhält Innen Halt.<br> <br> So naht Durchdrängung / naht Todlosigkeit.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXV<br> <br> HÖCHSTE Vollkommenheit erscheint mangelhaft /<br> <br> So erhält sie sich vollkommen.<br> <br> Höchste Fülle erscheint als Leere /<br> <br> So erweist sie sich unerschöpflich.<br> <br> Höchste Einfachheit erscheint als Verworrenheit.<br> <br> Höchste Weisheit erscheint als Einfalt.<br> <br> Höchste Beredsamkeit erscheint als Schweigen.<br> <br> Fortwährende Bewegung wird Herr der Kälte.<br> <br> Fortwährende Ruhe wird Herr der Hitze.<br> <br> Bewegung / beruhend auf Ruhe:<br> <br> Richtmaß des All-Geschehens für den Einzelnen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXVI<br> <br> WIRKT Gesetzmäßigkeit auf Erden /<br> <br> So ziehen die Kriegsrosse den Pflug.<br> <br> Bewirken Gesetze Irdisches /<br> <br> So wachen die Kriegsrosse an den Grenzen.<br> <br> Kein Übel größer / als Ehre zum Gesetze machen.<br> <br> Kein Unheil größer / als Handeln zum Ziele setzen.<br> <br> Kein Mangel größer / als Gewinnsucht besitzen.<br> <br> Genüge haben verschafft immer genügend haben.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXVII<br> <br> OHNE hinaus zu gehen / kann man draußen sein.<br> <br> Ohne hinaus zu sehen / kann man schauen.<br> <br> Weit hinaus gehen / verhindert eingehen.<br> <br> Je näher man der Welt ist /<br> <br> desto weniger sieht man von ihr.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er erfährt Fernstes / ohne zu wandern.<br> <br> Er erkennt / ohne zu kennen.<br> <br> Er vollendet / ohne zu handeln.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXVIII<br> <br> WISSEN führt zu Mehrung /<br> <br> Wesen führt zu Minderung /<br> <br> Es mindert Minderung / bis erreicht ist Nicht-Tun.<br> <br> So wird alles Wesentliche getan.<br> <br> Nicht-Tun erreichen /<br> <br> Heißt Himmel und Erde zu eigen bekommen.<br> <br> Erschlossen Allem / durchdringt ihn Alles /<br> <br> Alles durchdrängend / beschließt er Alles.<br> <br> Wer da Tun hat /<br> <br> Dem verschließen sich Himmel und Erde.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> XXXXIX<br> <br> DER Erwachte ist nicht bei sich /<br> <br> Er ist bei Allen.<br> <br> Gleich zu Guten und Unguten / wirkt er ausgleichend.<br> <br> Mäßig zu Rechten und Unrechten / wirkt er gesetzmäßig.<br> <br> Er lebt beschlossen im Vielen /<br> <br> Aufgetan dem Einen.<br> <br> So treiben die Herzen ihm zu /<br> <br> Wie zur nährenden Mutter.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> L<br> <br> VORWÄRTSKOMMEN ist Leben genannt /<br> <br> Eingehen ist Tod genannt.<br> <br> Drei von Zehn sind Lebenliebende /<br> <br> Drei von Zehn sind Todfürchtende /<br> <br> Drei von Zehn sind Lebenliebende und Todfürchtende.<br> <br> Warum?<br> <br> Weil sie vorwärts kommen wollen.<br> <br> Der Eine doch / den Leben durchdrängt /<br> <br> Schreitet durchs Land /<br> <br> Und fürchtet nicht Tiger noch Einhorn /<br> <br> Geht durch den Feind /<br> <br> Und fürchtet nicht Heere noch Waffen.<br> <br> Nicht fänden Einhorn und Tiger an ihm eine tödliche Stelle /<br> <br> Noch wüssten die Waffen ihn tödlich zu treffen.<br> <br> Warum?<br> <br> Weil er eingeht ins Todlose.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LI<br> <br> WESEN erschließt alle Dinge.<br> <br> Erschließend nährt es /<br> <br> Nährend gestaltet es,<br> <br> Gestaltend vollendet es.<br> <br> So ist Gestaltung zugleich Bestätigung des Gestaltenden.<br> <br> So ist Vollendung zugleich Bestätigung des Beginnenden.<br> <br> Solches geschieht in der Großen Ordnung /<br> <br> Nicht geschieht es auf Verordnung.<br> <br> So ist Erschaffung / doch kein Besitzer.<br> <br> So ist Inhalt / doch kein Geber.<br> <br> So ist Reifung / doch kein Wächter.<br> <br> So ist Erkennen / doch nicht Gekanntes.<br> <br> Das ist das Geheimnis des Ungekannten.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LII<br> <br> DAS Unermessliche / alles Werdenden Ursprung /<br> <br> Ist alles Gewordenen Mutter.<br> <br> Erkennen die Mutter / heißt Kindschaft erkennen.<br> <br> Kindschaft erkennen / heißt fortleben die Mutter.<br> <br> Fortleben die Mutter befreit von Endlichkeit.<br> <br> Beschlossen im Vielen / aufgetan dem Einen /<br> <br> Nie verstrickt Endliches.<br> <br> Aufgetan dem Vielen / verschlossen dem Einen /<br> <br> Naht endlose Verstrickung.<br> <br> Wahrnehmung des Nichtigen erfordert Größe des Schauens.<br> <br> Wahren das Zarte ist das Geheimnis der Kraft.<br> <br> Seine Kindschaft auswirken /<br> <br> Ist Heimkehren zur Mutter.<br> <br> Heimkehren zur Mutter /<br> <br> Befreit von Endlichem.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LIII<br> <br> JE weniger Wissen / um so mehr Weisheit.<br> <br> Waltet Weisheit / geschieht Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Gesetzmäßigkeit weist gerade Wege /<br> <br> Aber die Leute lieben die Seitenwege der Gesetzlichkeit.<br> <br> Hofhalten und Selbstheit pflegen /<br> <br> An Tafeln prassen/ auf Schwerter schwören /<br> <br> Besitzbesessen Gesetzlichkeit setzen /<br> <br> Heißt Einfalt züchtigen und Begehrden züchten.<br> <br> So verwaisen die Weisen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LIV<br> <br> WER in der Leere wurzelt / den wirft nichts um.<br> <br> Wen die Leere umfängt / den fängt nichts ein.<br> <br> Wer in die Leere eingeht / geht aus durch die Geschlechter.<br> <br> Leere im Einzelleben zeugt Fülle /<br> <br> Im Zusammenleben zeugt Entrückung /<br> <br> Im Gemeinleben zeugt All-Gemeinsamkeit /<br> <br> Im Volksleben zeugt Einheit /<br> <br> Im Weltleben zeugt Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Solchermaßen ist Fülle Maßstab für Einzelleben /<br> <br> Entrückung Maßstab für Zusammenleben /<br> <br> All-Gemeinsamkeit Maßstab für Gemeinleben /<br> <br> Einheit Maßstab für Volksleben /<br> <br> Gesetzmäßigkeit Maßstab für Weltleben.<br> <br> Wie geschieht mir dies Wissen?<br> <br> Durch der Leere Geschehen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LV<br> <br> DER Durchdrängte ist gleich wie ein Kind.<br> <br> Nicht beängstet durch schwirrendes.Insekt /<br> <br> Noch durch der reißenden Tiere Begier /<br> <br> Nicht behemmt durch Wissen um Geschlecht /<br> <br> Dennoch Wirkzeug des Urtriebs /<br> <br> Erweist sich seines Leibes Vollkommenheit.<br> <br> Widerstandsfähig wie eben ein Kind /<br> <br> Das stundenlang schreit ohne heiser zu werden /<br> <br> Erweist er Einklang mit der Gesetzmäßigkeit.<br> <br> So im Einklang vollzieht an ihm<br> <br> Sich das Geheimnis des Ungekannten.<br> <br> Alles Wissens Fülle stäubt ihm zu Weisheit.<br> <br> Verharren bei Daseins Gesetzen nennt man Stärke.<br> <br> Doch Verharren führt zu Erstarren.<br> <br> Gegen Gesetzmäßigkeit Gesetztes geht schnell gen Ende.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LVI<br> <br> DER Durchdrängte redet nicht /<br> <br> Wer da redet / ist nicht durchdrängt.<br> <br> Durchdrängt / ist er beschlossen /<br> <br> Aufgetan ins Beschlossene.<br> <br> Nicht einnehmend Standpunkte I<br> <br> Nicht benimmt ihn Verwirrung.<br> <br> Befreit von Selbstheit I<br> <br> Ist er Allen zunächst.<br> <br> Doch nicht berührt von Freundung wie Feindung /<br> <br> Von Vorteil wie Nachteil /<br> <br> Von Berühmung wie Berümpfung /<br> <br> Ist er unnahbar.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LVII<br> <br> MIT Gesetzlichkeit mag man verwalten /<br> <br> Mit Geschicklichkeit mag man vorwärts kommen.<br> <br> Aber der wahre Herrscher herrscht durch Nicht-Tun.<br> <br> Der Ablauf der Vorgänge ergibt:<br> <br> Je mehr Verwaltung / um so mehr Gewalt.<br> <br> Je mehr Verordnung / um so mehr Übertretung.<br> <br> Je mehr Waffen / um so mehr Unruhe.<br> <br> Je mehr Gesetzlichkeit / um so weniger Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er meidet Verwaltung /<br> <br> Und die Leute fühlen sich frei.<br> <br> Er meidet Verordnung /<br> <br> Und die Leute erfühlen die Große Ordnung.<br> <br> Er meidet Schärfe /<br> <br> Und die Leute entzweit nicht Tun.<br> <br> Er wahrt Gesetzmäßigkeit /<br> <br> Und die Leute finden sich im Nicht-Tun.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LVIII<br> <br> WALTET Nicht-Tun / ist einfaches Volk.<br> <br> Verwaltet Tun / ist verwirrtes Volk.<br> <br> Gesetzlichkeit begräbt Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Immer belauert Gesetzlichkeit Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Doch verbessern heißt stets verschlimmern.<br> <br> Verordnung bringt aus der Ordnung.<br> <br> Einfach verkehrt sich in Verworren.<br> <br> Unbedingt verkehrt sich in Bedingt.<br> <br> Blindnis überwältigt /<br> <br> Nicht erleuchtet das Überwältigende.<br> <br> Darum der Erwachte:<br> <br> Er gleicht einem Viereck / ohne Kanten.<br> <br> Er gleicht einem Winkel / ohne Spitze.<br> <br> Er gleicht einem Fels / ohne Schärfe.<br> <br> Er gleicht einem Licht / ohne Blendung.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LIX<br> <br> DAS Volk vorwärts treiben zur Vollendung /<br> <br> Geschieht durch Zurückbleiben.<br> <br> So findet das Volk ins Uranfängliche.<br> <br> Uranfänglich werden /<br> <br> Heißt wieder erlangen die Fülle der Leere.<br> <br> Solche Fülle enthebt der Mängel.<br> <br> Enthoben sein ist Erhaben sein.<br> <br> Erhaben sein ist Begrenzung verlieren.<br> <br> Begrenzung verlieren ist Teil des Grenzenlosen sein.<br> <br> Teil des Grenzenlosen sein ist währen.<br> <br> Währen ist wie das Mütterliche sein.<br> <br> Es wurzelt im Bodenlosen und treibt ins Uferlose.<br> <br> Es geht ein /<br> <br> Und doch verlischt nicht die Spur seines Unvergehens.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LX<br> <br> EIN großes Reich regieren verlangt Ruhe /<br> <br> Gleich wie das Sieden kleiner Fische.<br> <br> Soll Gesetzmäßigkeit walten /<br> <br> Bedarf es keiner Verwalter.<br> <br> Sind nicht Verwalter /<br> <br> Fühlt das Volk sich nicht bedrängt.<br> <br> Nicht bedrängt /<br> <br> Verdrängt es Aufdringlichkeit der Wissensreichen.<br> <br> So naht das Wissen Reichende.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXI<br> <br> DAS große Reich hält sich hoch /<br> <br> Indem es sich tief hält.<br> <br> Tiefem Talbett streben die Flüsse zu.<br> <br> Es sei wie das Mütterliche / das Unübersehbare /<br> <br> Das Alle übersehen.<br> <br> Unsichtbar dienend / zwingt es das Sichtbare.<br> <br> Das große Reich gewinnt die kleinen /<br> <br> Unsichtbar dienend.<br> <br> Unsichtbar dienend /<br> <br> Gewinnen die kleinen Reiche das große.<br> <br> Jenes gewinnt Anhänger / diese gewinnen Schutz.<br> <br> Beides geschieht durch unsichtbar Dienen.<br> <br> Zwingt so das große Reich das Vielfache ins Einende /<br> <br> So zwingen die kleinen Reiche das Einende ins Vielfache.<br> <br> Also waltet das Große /<br> <br> Durch unsichtbar Dienen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXII<br> <br> DAS Beschlossene beschließt alle Dinge /<br> <br> Erschlossen den Durchdrängten /<br> <br> Bereit / sich den Verdorrten zu erschließen.<br> <br> Worte / die es tränkt / aussagen das Eine.<br> <br> Tun / das es erwirkt / zeitigt Wirkung des Nicht-Tuns.<br> <br> Und besäße einer die Erde /<br> <br> Und opferte alles Erdischen Pracht /<br> <br> Nicht gliche es der Gabe / die Hingabe erreicht.<br> <br> Hingabe erreicht Durchdrängung.<br> <br> Durchdrängung war der Einstigen Besitz.<br> <br> Nicht Erdisches besitzend / nicht besessen /<br> <br> Blieben sie aufgetan dem Beschlossenen.<br> <br> Das Beschlossene gibt selbst Verdorrtem wieder Saft /<br> <br> Darum schätzten die Einstigen es als das Höchste.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXIII<br> <br> WESENTLICHES tun / erfordert Nicht-Tun /<br> <br> Erfordert Vollführen / ohne Wissen um Vollführung<br> <br> So ist Wahrnehmung des Ganzen /<br> <br> Ohne Behemmung durch Einzelnes.<br> <br> Das Große im Kleinen sehen /<br> <br> Das Eine im Vielen sehen /<br> <br> So erkennt man Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Gesetzmäßigkeit vollführt bevor Vorhandensein ist.<br> <br> So ist Vollbringung des Schweren / weil leicht zu vollführen.<br> <br> So ist Vollbringung des Großen / weil klein begonnen.<br> <br> Alles Schwere entruht dem Leichten.<br> <br> Alles Große entwird dem Kleinen.<br> <br> Der Erwachte tut nicht Großes /<br> <br> Darum vollbringt er Großes.<br> <br> Wer viel verspricht / hält wenig.<br> <br> Wer alles leicht findet / findet alles schwer.<br> <br> Der Erwachte wird schwer befunden.<br> <br> Seine Schwere macht leicht /<br> <br> So vollbringt er leicht Schweres.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXIV<br> <br> DAS noch nicht Wogende ist leicht beruhigt.<br> <br> Noch nicht Gekommenem ist leicht zuvor zu kommen.<br> <br> Das noch Spröde ist leicht zerbrochen.<br> <br> Das noch Winzige ist leicht zerstreut.<br> <br> Begegne den Dingen / bevor sie da sind.<br> <br> Gib Richtung / bevor sie Berichtigung heischen.<br> <br> Ein Baum entsproßt haarfeiner Wurzel.<br> <br> Ein Turm hat eine Erdscholle zum Grund.<br> <br> Die längste Wanderung beginnt mit dem ersten Schritt.<br> <br> Wer handelt / verdirbt.<br> <br> Wer festhält / verliert.<br> <br> Der Erwachte handelt nicht / so erspart er Behandlung.<br> <br> Er besitzt nicht / so erspart er Verlust.<br> <br> Nicht handeln wollen / so verdirbt nichts durch Behandlung.<br> <br> Beendung bedenken bevor Beginn ist /<br> <br> So verscherzt man nicht Erreichen.<br> <br> Der Erwachte begehrt Begierdenlosigkeit /<br> <br> Besitzt Besitzlosigkeit /<br> <br> Erlernt Verlernen /<br> <br> Achtet das nicht Beachtete /<br> <br> Verwirklicht das nicht Wirkliche /<br> <br> Betätigt Nicht-Tun.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXV<br> <br> DIE Einstigen /die Durchdrängung einte /<br> <br> Lehrten nicht Wissen.<br> <br> So erwies sich die Weise der Weisen.<br> <br> Volk / wissensbeschwert / ist schwierig zu lenken.<br> <br> Förderung des Wissens erweist Vergrößerung der Unordnung.<br> <br> Förderung der Einfalt erweist die Große Ordnung.<br> <br> Richtmaß erkennen /<br> <br> Heißt das Geheimnis der Gesetzmäßigkeit erschließen.<br> <br> Der Gesetzmäßige unterscheidet sich.<br> <br> Er hat das Einende der großen Unterschiedlichkeit.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXVI<br> <br> DASS Meere und Ströme Zustrom erhalten /<br> <br> Geschieht durch ihre Niedrigkeit.<br> <br> Alle Gewässer drängen ihnen zu /<br> <br> Berührung erstrebend mit ihren Herrschern.<br> <br> Also der Erwachte:<br> <br> Er ragt hervor / indem er sich tief hält.<br> <br> Er ist Führer / indem er zurücksteht.<br> <br> So fühlen die Vielen sich nicht berührt.<br> <br> So schafft er Ausgezeichnetes / ohne Auszeichnung.<br> <br> So drängt man ihm zu und erreicht Durchdrängung.<br> <br> Der Erwachte erschließt Berührung.<br> <br> Beschlossen list er unberührbar.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXVII<br> <br> DIE Welt begutachtet das Wesentliche /<br> <br> Aber es scheint ihr nicht brauchbar /<br> <br> Nicht brauchbar für ihre Wirklichkeit.<br> <br> Das aber ist das Wesentliche /<br> <br> Dass es nicht brauchbar ist für ihre Wirklichkeit.<br> <br> Denn ihre Wirklichkeit ist nicht Wesens Verwirklichung.<br> <br> Ich wahre drei Werte / die währen.<br> <br> Der erste ist Teil sein.<br> <br> Der zweite ist Einfältig sein.<br> <br> Der dritte ist Zurückbleiben.<br> <br> Durch Teil sein bekomme ich Beschlossenheit.<br> <br> Durch Einfältig sein erfaltet sich mir das Eine.<br> <br> Durch Zurückbleiben komme ich weiter.<br> <br> Allewelt verwirft Teil sein /<br> <br> Obwohl sie für Persönlichkeit schwärmt.<br> <br> Allewelt verwirft Einfältig sein /<br> <br> Obwohl sie für Ursprünglichkeit schwärmt.<br> <br> Allewelt verwirft Zurückbleiben /<br> <br> Obwohl sie für Fortschritt schwärmt.<br> <br> Aufgeben Zurückbleiben bedeutet Begängnis des Lebens.<br> <br> Aufgeben Teil sein bedeutet Erliegen dem Dasein.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXVIII<br> <br> GUTER Herrscher ist nicht herrisch.<br> <br> Guter Krieger ist nicht kriegerisch.<br> <br> Guter Richter berichtigt nicht.<br> <br> Guter Zwinger bezwingt nicht.<br> <br> So erweist sich die Verwirklichung des nicht Wirklichen.<br> <br> So erweist sich die Bewegung des Beruhenden.<br> <br> So erweist sich der Zusammenschluss des Beschlossenen.<br> <br> Des Wesens Weise.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXIX<br> <br> EIN großer Feldherr sagte:<br> <br> Nicht gewähre ich Gastrecht dem Krieg /<br> <br> Besser ich spiele den Gast.<br> <br> Besser / um einen Fuß zurück weichen /<br> <br> Als um einen Zoll vorgehen.<br> <br> Das heißt rühren / ohne sich zu berühren.<br> <br> Das heißt vorschreiten / ohne vor zu schreiten.<br> <br> Das heißt behalten / ohne zu halten.<br> <br> Das heißt gewinnen / ohne zu nehmen.<br> <br> Kein Unglück größer als leichtfertig Kriegen /<br> <br> Weil leicht verloren ist Leisheit.<br> <br> Mit Leisheit schwindet das Tiefste /<br> <br> Als welches ist das Höchste.<br> <br> Von zwei Streitern siegt der Leisere.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXX MEINE Worte führen Viele im Munde /<br> <br> Doch Wenige vollführen sie.<br> <br> Was ich sage / umschließt das Eine / das Alles umschließt.<br> <br> Was ich vollführe entspricht der Gesetzmäßigkeit /<br> <br> Die Alles vollführt.<br> <br> Gesetzmäßigkeit übersehend / übersieht man mich.<br> <br> Wenige übersehen mich nicht /<br> <br> Eben das unterscheidet mich.<br> <br> Das Hehre ist wie ein hären Kleid /<br> <br> Beschlossen / erschließt es seine Schätze tief Innen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXI<br> <br> DAS Wissende haben / doch nicht wissen darum /<br> <br> So ist Durchdrängung erreicht.<br> <br> Wissen / und darum wissen /<br> <br> So naht Verdorrung.<br> <br> Verdorrung fürchten /<br> <br> So ist Bewahrung vor Verdorren.<br> <br> Der Erwachte fürchtet Verdorren /<br> <br> So ereilt ihn nicht Fürchterliches.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXII<br> <br> ÜBERSEHEN die Leute das Unübersehbare /<br> <br> So naht unabsehbares Elend.<br> <br> Macht sie nicht stumpf ihrem Selbst nachlaufen.<br> <br> Macht sie nicht leben / als wäre Leben Hast und Last.<br> <br> Ist Meidung dessen /<br> <br> Das sie stumpf ihrem Selbst nachlaufen läßt /<br> <br> So geschieht nicht /<br> <br> Daß Hast und Last ihr Leben ausmacht.<br> <br> Der Erwachte weiß / ohne daß er Wissen sammelt.<br> <br> Er hält sich wert / doch hält sich nicht hoch /<br> <br> Darum hält ihn das Höchste.<br> <br> Gehalten vom Höchsten /<br> <br> Macht Sehen das Nicht-Sichtbare.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXIII<br> <br> ZEITIGT Mut Gefahr für Gesetzlichkeit /<br> <br> Erfolgt Zeichnung.<br> <br> Zeitigt Mut Verdienst für Gesetzlichkeit /<br> <br> Erfolgt Auszeichnung.<br> <br> Gesetzlichkeit heißt das eine nützlich /<br> <br> Das andere schädlich.<br> <br> Wem aber ist Gesetzmäßigkeit Maßstab?<br> <br> Darum werkt der Erwachte nicht / er wirkt.<br> <br> Er streitet nicht und bekommt doch.<br> <br> Er spricht nicht und erhält doch Antwort.<br> <br> Er ruft keinem und hat doch Zustrom.<br> <br> Seine Weise ist Beruhung /<br> <br> Und doch ist Bewegung / unmerklich aber wirksam.<br> <br> Das Netz des All-Geschehens hat weite Maschen /<br> <br> Niemand merkt es / niemand entgeht ihm.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXIV WEIL die Vielen an ihrem Leben hängen /<br> <br> Darum kann man sie mit dem Tod schrecken.<br> <br> Wäre Leben / so lebten sie Eingehen /<br> <br> Wer im Leben könnte dann mit dem Tod schrecken?<br> <br> Es ist ein Vollführer.<br> <br> Wer da vollführt an seiner Statt /<br> <br> Gleicht dem / der statt des Holzfällers die Axt führt.<br> <br> Der kommt selten davon / ohne sich zu verletzen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXV<br> <br> DIE unten sind stumpf /<br> <br> Weil Die oben überspitzt sind /<br> <br> Darum sind Die unten stumpf.<br> <br> Die unten sind ungelenk /<br> <br> Weil Die oben zu viel lenken /<br> <br> Darum sind Die unten ungelenk.<br> <br> Die Vielen nehmen das Sterben nicht groß /<br> <br> Weil ihr Leben zu klein verläuft /<br> <br> Darum nehmen sie das Sterben nicht groß.<br> <br> Geht die Welt aufs Außen aus /<br> <br> So achtet niemand Eingehen.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXVI<br> <br> UNSTARR geht der Mensch ins Leben ein.<br> <br> Verliert er Leben / ward er starr.<br> <br> Ist Treibendes unstarr / so ist Eingehen.<br> <br> Setzt Erstarren ein / so ist Zerfall.<br> <br> Beginnt Starr und Fertig / beginnt Ende.<br> <br> Währt Unstarr und Unfertig / ist endloser Beginn.<br> <br> Darum ist nicht Sieger / wer Kraft ausbreitet.<br> <br> Dadurch dass er Kraft ausbreitet /<br> <br> Lädt der Baum zum Fällen.<br> <br> Dadurch dass er Kraft ausbreitet /<br> <br> Verliert der Mensch Leben.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXVII<br> <br> DIE Weise der Leere ähnelt dem Spannen des Bogens /<br> <br> Die Wölbung strecken / die Höhlung füllen /<br> <br> Durch Fülle leeren / durch Leere füllen.<br> <br> So erweist sich / dass dem Vollen genommen wird /<br> <br> Dass dem Leeren gegeben wird.<br> <br> Nicht so des Menschen Weise:<br> <br> Er nimmt dem / der bekommen sollte /<br> <br> Und gibt dem / der hat.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXVIII<br> <br> NICHTS Nachgiebigeres in der Welt als Wasser /<br> <br> Dennoch zwingt es das Härteste.<br> <br> Groß im Aufgeben / ist es groß im Erreichen.<br> <br> Nicht greifbar / ergreift es.<br> <br> Das Nicht-Sichtbare überwindet das Sichtbare.<br> <br> Unstarr übernimmt Starr.<br> <br> Jeder weiß es / Keiner erweist es.<br> <br> Wer erträgt / wird getragen.<br> <br> Wer sich aufgibt / behauptet sich.<br> <br> Wunder-Volles klingt wunderlich.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXIX<br> <br> NACH lautem Hader bleibt stiller Hader.<br> <br> Er erlischt nicht.<br> <br> Der Erwachte ist Wirkzeug des Beschlossenen /<br> <br> Er hadert nicht.<br> <br> Der Erwachte muss / ihn bindet Gesetzmäßigkeit.<br> <br> Die Vielen wollen / sie verbindet Gesetzlichkeit.<br> <br> Das Beschlossene beschließt alle Geschöpfe /<br> <br> Doch nur den Durchdrängten erschließt es sich.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXX<br> <br> EIN leises Land / einfältig Volk /<br> <br> Befreit von Wissen / erwiese das Ungekannte.<br> <br> Ehrend Kreisung / fürchtend Entkreisung /<br> <br> Ehrfürchtig priese man das Tod Genannte.<br> <br> Nicht wäre Unbleibens um zu erraffen.<br> <br> Helme und Waffen hingen ungebraucht.<br> <br> Schiffe und Wagen führen nicht.<br> <br> Man griffe wieder zu Knotenschnüren statt Schrift.<br> <br> Es schmeckte die Kost /<br> <br> Und einfach fiele das Kleid.<br> <br> Die Stuben wären Stätten der Stille.<br> <br> Der Leere Fülle macht das Herz weit.<br> <br> Und stünden die Wände der Nachbarn so nahe /<br> <br> Dass man Hunde und Hähne herüber hörte /<br> <br> Nicht fände man Zeit / einander die Hände zu geben.<br> <br> Gesetzmäßigkeit triebe lang Leben.<br> <br> Es bliebe Beschlossenheit.<br> <br> --------------------------------------------------------------------------------<br> <br> LXXXI<br> <br> WAHRE Worte sind nicht gefällig /<br> <br> Gefällige Worte sind nicht wahr.<br> <br> Die Wortereichen reichen das Leblose.<br> <br> Der Lebende bereichert durch das Wortlose.<br> <br> Wissen verdrängt Weisheit.<br> <br> Das Wissende haben heischt Nicht-Wissen haben.<br> <br> Der Erwachte sammelt nicht und hat doch.<br> <br> Je mehr er vergibt / um so mehr erwirbt er.<br> <br> Je mehr er erwirbt / um so mehr vergibt er.<br> <br> Des Wesens Weise ist: Erschließen ins Beschließende.<br> <br> Des Erwachten Weise ist: Beschließen ins Erschließende.<br> <br> </font> <hr><center><a href=index.html>Home Page</a></center></body>